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Die perfekte Familienidylle. Genau das wünscht sich die Familie Kotte für ihr alljährliches Sommerweihnachten. Alles soll ganz harmonisch ablaufen und am Ende auf dem Familienfoto ein perfektes Bild abgegeben. Doch warum lächelt dann niemand? Lutz Hübner beschreibt in seinem neuesten Stück, das er wie schon „Blütenträume“ für die große Bühne des Grillo Theaters und für den Regisseur Anselm Weber geschrieben hat, das Drama einer Familie, präziser gesagt die Krise von drei Generationen von Frauen: Alleinerziehende Mütter und Kinder, gefangen zwischen ihren Sehnsüchten, Wünschen und tief verdrängten Traumata. Wie jedes Jahr treffen sich die beiden Schwestern Rike und Jana mit ihren beiden Töchtern Lea und Tanja und ihrer Mutter Marika in einem Ferienhaus am Meer zum so genannten Sommerweihnachten.
Die Bühnenbildnerin Vera Knab stellt einen schönen, offenen Dachstuhl auf die Bühne des Essener Grillo-Theaters und richtet diesen mit modernen Teakholzmöbeln ein. Die zum Zuschauerraum gerichtete Jalousie entpuppt sich im Verlauf der Aufführung als Projektionsleinwand, auf der ein Super-8-Film aus den Kindertagen der beiden Töchter zu sehen ist und die sich somit als ein Fenster in eine Vergangenheit entpuppt, in der die Welt scheinbar noch in Ordnung war. Dazu läuft der Beatles-Song „Lucy in the sky with diamonds“, dessen farbenfrohe Traumwelt von Bildern aus „Alice im Wunderland“ inspiriert worden ist. Eine Zufluchtswelt und gleichzeitig eine nie erreichbare Utopie verbreiten sich so auf der Bühne. Als man am Ende des Stücks erfährt, dass die spielenden Kinder zu dieser Zeit von den grausigen Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg erfahren haben, bekommen diese Bilder allerdings einen bitteren Nachgeschmack. In diesem Jahr wird Jana erstmals von ihrem neuen Freund Sam begleitet, der einzige Mann in diesem Stück und zusätzlich der Fremde innerhalb einer geschlossenen, aber in sich zerrütteten Familie. Der anfängliche Wunsch nach ein paar schönen Sommertagen verwandelt sich schnell in eine Vorwurfslitanei gegenüber der Mutter. Sam kann, trotz all seiner Anstrengungen gegen die tiefen Wunden nichts ausrichten und muss erkennen, dass in dieser Familie nie etwas vorbei ist. Als dann endlich das Nesthäkchen und Blumenkind Tanja auftaucht, lüftet sich ein tief verborgenes Geheimnis der Mutter, das stets als Vulkan im Inneren der Familie brodelte.
Lutz Hübners Figuren sollen nach eigener Aussage Menschen sein, die man auf der Straße treffen könnte und von denen man das Gefühl habe, sie von irgendwoher zu kennen. Sie vermittelten den Anschein von Vertrautheit und sicherlich muss jeder Zuschauer während der Aufführung von „Nachtgeschichte“ an ein eigenes misslungenes Weihnachtfest denken. Nur breitet sich dabei zugleich ein Eindruck von Belanglosigkeit auf der Bühne aus. Es scheint, als ob man die Szenen schon all zu oft bei sich zu Hause, im Fernsehen oder Theater gesehen hätte.
Unweigerlich lässt sich an dieser Stelle die Frage nach der Notwendigkeit von Gegenwartsstücken diskutieren. Während es im allgemeinen Diskurs immer um die Frage geht, warum spiele man im Theater noch Klassiker, könnte man im Zusammenhang mit „Nachtgeschichte“ fragen, warum spielt man im Theater überhaupt Gegenwartsstücke?
Unabhängig vom dramatischen Text und dessen Inhalt erweist sich „Nachtgeschichte“ als eine solide gespielte Inszenierung mit guten Schauspielern. Vor allem Katharina Linder triumphiert als völlig hysterische ältere Schwester, die krampfhaft versucht ihre Familie zusammenzuhalten. Jutta Wachowiak als dominante Übermutter kann hingegen nicht in jeder Szene überzeugen. Besonders im alles entscheidenden Kriegsmonolog vermag sie ihre grausigen Erlebnisse nicht emotionsträchtig genug für den Zuschauer zu transportieren. Vielleicht liegt dies allerdings auch daran, dass diese Szene einfach zu aufgesetzt ist. Denn nicht jedes Familiendrama lässt sich durch schreckliche Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg erklären. Die zweistündige Inszenierung von Anselm Weber ist weniger eine Nachtgeschichte zum Einschlafen als ein technisch-guter und klassisch-konventioneller Theaterabend, an dem die Abonnenten bestimmt ihre Freude gehabt haben.