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Die Bühne gleicht einem Container aus Holz. Vor den eisernen Vorhang gestellt, stapeln sich unter ihm, sichtbar zwischen den Stützen, Türme aus Porzellan. In diese Holzbox hinein führen zwei Gänge aus Plexiglas, in der Mitte befindet sich ein Fenster, an der Decke hängen zwei Halogenlampen. Alles ist klinisch rein und erinnert an eine sterile, leere Arztpraxis im Stil der 60er Jahre.
Während man sich noch fragt, was wohl in diesem Raum die nächsten zwei Stunden passieren wird, tanzen plötzlich Therese Dörr als Corinna Schneider und Andreas Grothgar als Joachim Hufschmied in einer bizarren Balletteinlage vom linken Beleuchtungsgang auf die Bühne. Therese Dörr ist ganz in weiß gekleidet, weißer Rock, weißer Rollkragenpullover. Das Kostüm lässt sich auf verschiedene Weise deuten: Zunächst verbindet man das reinliche Weiß mit ihrem Beruf als Zahnärztin; im Verlauf der Inszenierung ergibt sich im Zusammenhang mit dem Verschwinden ihres Verlobten zusätzlich die Assoziation zum Weiß der Unschuld; und in der letzten Szene, nach ihrem vermeintlichen Tod, schwebt sie sogar wie ein Gespenst in Weiß hinter der eingestürzten Wand des Containers über die Bühne. Zugleich lässt sich ihr Kostüm auch als ein Symbol für die Leerstellen des Theatertextes, seine Lücken, deuten. Es ist gleichsam eine leere Projektionsfläche, die mit Gedanken und Assoziationen ausgefüllt werden muss, genau wie das Theaterstück von Händl Klaus.
„Dunkel lockende Welt“ zeichnet sich durch Abwesenheit aus. Die Abwesenheit von Worten, die Abwesenheit von Erklärungen und auch die Abwesenheit von Personen auf der Bühne. „Ich schöpfe aus der Lücke“, sagt Hufschmied und gibt die Richtung des Stückes vor. Der Zuschauer scheint gefordert zu sein, in diese dunkle Welt ein Fünkchen Licht hineinzubringen. Es ist eine Art Kriminalgeschichte voller Verästelungen, aber ohne Lösung.
Die Zahnärztin Corinna Schneider zieht aus ihrer Wohnung in Leipzig aus, um mit ihrem Freund nach Peru zu gehen. Sie träumt von einem Frauenchor mit strahlenden weißen Zähnen. Bei der Wohnungsübergabe fällt der Abschied sichtlich schwer. Besonders der Vermieter Hufschmied erinnert sich wehmütig an die schöne gemeinsame Zeit und an ihren Schweizer Verlobten, der den alten Opel immer so schön leise vor dem Haus geparkt hat. Hufschmied ist über die Sauberkeit in der Wohnung sichtlich begeistert, so dass er am liebsten vom Boden essen würde. Frau Dr. Schneider hat sogar eine neue Badewanne einbauen lassen. Doch während er die Wohnung genauer inspiziert, findet er plötzlich eine kleine Zehe. Corinna Schneider ist dies sichtlich peinlich. Sie erklärt, dass sie Material aus der Anatomie mit nach Hause gebracht habe, und schenkt Hufschmied dann nach mehrfachen Bitten diese Zehe als Erinnerung.
Im zweiten Bild der Inszenierung verändert sich die Bühne. Die Gänge führen tiefer in den Bühnenraum hinein, ein Licht von oben wirft hunderte kleine helle Punkte in den Container, ein Windstoß weht grüne Blätter auf die Bühne. Inmitten dieser Blätter tanzt Sabine Orléans als Mechtild Schneider in einem grünen, einem Tarnanzug-ähnlichen Kleid ihren Blumenkindertanz. Sie beginnt einen langen Monolog über die Photosynthese und beachtet dabei kaum ihre Tochter, die nun wieder bei ihr einziehen möchte. Auch die Fragen nach dem Vater ignoriert sie. Erst als sie von ihrer Tochter gebeten wird, die kleine Zehe von ihrem Vermieter zurück zu holen, wird Mechtild aktiv und reist von München nach Leipzig.
Händl Klaus` Figuren haben allesamt eine besondere Affinität zu einer Wissenschaft: Während Hufschmied im ersten Bild von seiner Leidenschaft für Philosophie und die Philosophen Foucault und Roland Barthes berichtet, ist Corinna Schneider ganz der Medizin und ihre Mutter der Biologie verfallen. Das Wiedergeben von wissenschaftlichen Texten und Weisheiten versetzt die Figuren in eine Art Ekstase, die im dritten Bild sogar zum körperlichen Orgasmus von Mechtild und Hufschmied führt. Hinter ihren Worten verbirgt sich also noch etwas Anderes, vielleicht Triebhaftes, Verdrängtes, Dunkles.
Die anfängliche Ordnung auf der Bühne verwandelt sich im Verlauf der Aufführung zum Chaos. Das Dunkel bricht hinein in die reine Welt. Dabei ist das Dunkle keineswegs gleichbedeutend mit düster. Die Bühne erstrahlt im dritten Bild sogar heller denn je. Die Wände sind aufgebrochen, im Boden klaffen mehrere große Löcher. Das enge Korsett des Lebens scheint aufgebrochen. Die Abgründe manifestieren sich auf der Bühne von Hugo Gretler ganz offen, für alle sichtbar.
Im dritten Bild treffen die Mutter und der Vermieter aufeinander. Hufschmied gestaltet sein Haus neu, um mehr Licht hineinzulassen. Mechtild gibt vor, sie suche nach einer Maske aus Peru, und so kommen die beiden ins Gespräch. Dabei stellt sich heraus, dass sie sich schon einmal getroffen und eine Nacht zusammen verbracht haben. Noch vor der Geburt von Corinna. Könnte Hufschmied der gesuchte Vater sein? Mechtild berichtet Hufschmied, dass ihre Tochter bei einem Autounfall mit dem alten Opel ums Leben gekommen sei. Aber war das Auto nicht schon kaputt, als Corinna noch lebte? Der letzte Akt des Stückes wirft mehr Fragen auf, als er Antworten gibt. So endet die ganze Geschichte mit dem Knochen der kleinen Zehe, deren Besitzer weiterhin im Dunkeln bleibt.
Händl Klaus` Theaterstück könnte man auch als ein Triptychon, bestehend aus drei 2-Personenstücken, verstehen: Corinna-Hufschmied, Mechtild-Corinna, Hufschmied-Mechtild. Der Reiz dieser Konstellationen liegt dabei vor allem darin, dass gerade die Person, die nicht anwesend ist, eine besondere Rolle zu spielen scheint. Im ersten Bild ist es der Verlobte, im zweiten der Vater und im dritten Corinna selbst. Es macht den Eindruck, als ob eine unterschwellige Bedrohung dem Bühnengeschehen innewohnt, die fortwährende Gefahr, einfach zu verschwinden: Verschwinden durch Vergessen, Verreisen, Erkranken oder Sterben. „Es gibt kein Denken ohne Tod“, sagt Hufschmied.
Im Labyrinth der Geheimnisse und Merkwürdigkeiten zeigen sich die Schauspieler in Schirin Khodadadians Inszenierung weniger von ihrer ernsten als von ihrer komödiantischen Seite. Während am Anfang noch mit dem Bruch von Erwartungshaltungen gespielt und dadurch Komik erzeugt wird, verfallen die drei Darsteller später zunehmend in vorhersehbaren Slapstick. Der äußert beachtliche pantomimische Einsatz und die sichtliche Freude der Schauspieler daran, sich einmal von dieser Seite auf der Bühne präsentieren zu können, gehören zu den großen der Stärken der Inszenierung. Doch leider gleitet das Ganze, besonders im dritten Bild, in eine Übertrumpfungs-Arie ab, frei nach dem Motto: Wer kann eine bessere Grimasse ziehen und wer schafft es, mit mehr Klamauk den Zuschauer zum Lachen zu bringen? Als Fazit von Schirin Khodadadians Inszenierung ließe sich daher sagen, dass weniger vielleicht ein bisschen mehr gewesen wäre. Dann hätte der Zuschauer die Chance gehabt, neben seinem eigenen Lachen auch noch die leisen Töne des Stückes zu verstehen.