Die Geschichte der Zukunft

Geschichte der Zukunft, Die

Eine Geschichte persönlicher Schuld

Christian Lollikes "Die Geschichte der Zukunft" zu Gast im Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr


von Kathrin Leneke

Es gibt keine Geschichte, keine wirkliche Handlung. Was der Zuschauer in Mülheim an der Ruhr im Rahmen des After The Fall Festivals vom dänischen Det Kongelige Teater als „Geschichte der Zukunft“ präsentiert bekam, war etwas ganz Anderes als sonst im Theater. Die Normalität des Alltags nimmt in Christian Lollikes Bühnenprojekt Gestalt an und findet ihren Körper in der Figur einer Taxifahrerin, die abwechselnd von fünf Schauspielern gespielt wird. Als allegorische Figur erfährt den Wahnsinn des eigenen Niedergangs, des Verfalls eben der Normalität, ganz unmittelbar.

In den Wagen der Taxifahrerin steigen Menschen aus allen Schichten und Sphären ein. Damit befindet sie sich an einer Art sozialer Schnittstelle, an der die Prototypen der gegenwärtigen Gesellschaft sichtbar werden: Die Managerin, die nach einer Bestätigung dafür sucht, dass sie ein guter Mensch ist; der Penner, der weder Geld noch Bart hat, aber dafür eine Idee vom Leben; und schließlich die Politikerin, die aus der Schlechtigkeit der Welt mittels einiger Worte das Gute machen will. Sie alle fahren zum Lager.

Dieses Lager für Flüchtlinge ist Symbol und Thema zugleich. Mauern und Stacheldraht werden immer dort errichtet, wo sich Menschen schuldig machen, und da, wo der Wille des einzelnen gebrochen werden soll. Verantwortlich ist letztlich keiner – diese Gewissheit gaukelt man sich zumindest vor. Der verzweifelte Wunsch des Individuums, etwas zu ändern, den Hunger in Afrika zu besiegen, gute Arbeitsbedingungen in Niedriglohnländern zu schaffen, eben ein guter Mensch zu sein, entlarvt Christian Lollike als Maßnahme zur Beruhigung des eigenen Gewissens. Eine tatsächliche Veränderung ist mit einer Spendengala nicht zu erreichen.

So griffige Stichworte wie „Globalisierung“ oder wie das von einer „Welt im Wandel“ werden hier neu definiert. Das Wesentliche sind nicht mehr Gipfeltreffen und die große Politik. Das, was die Welt zu dem macht, was sie ist, ist ein riesiges, unübersichtliches Mosaik aus Individuen.

Der Konflikt zwischen dem großen Ganzen auf der einen Seite und dem Individuellen auf der anderen ist immer und überall sichtbar. Die Bühne des privaten Lebens ist ein Sammelsurium mit Sofa, Popcornmaschine, Fernseher und Kühlschrank. Ganz anders sieht dagegen die Welt aus, in der die Idee von der Gerechtigkeit für alle Wirklichkeit ist. Ihre Bühne erweist sich als leer und steril. Ein Klappmosaik wandelt sich von einem schönen bunten Bild nach der Pause in eine glatte graue Wand.

„Die Geschichte der Zukunft“ ist ein Gesamtkunstwerk, das keinerlei Grenzen kennt. Der Monolog des völlig Nackten, der mit ausgestreckten Armen das Publikum beschwört, der Ungerechtigkeit in der Welt und dem Dämmerzustand des Menschen ein Ende zu bereiten, offenbart gleichermaßen die Ernsthaftigkeit wie auch die Hoffnungslosigkeit dieses Anliegens.

Eine Lösung für das Problem der Mauern unserer Zeit gibt es nicht, zumindest nicht mit den Menschen, die unsere Zeit hervorbringt. Eine Mauer zu Fall zu bringen, das kann nur ein Kollektiv, eine große Menge von Menschen, die alle für sich beschlossen haben umzudenken. Ein Beispiel für eine solche kollektive Anstrengung ist für Christian Lollike der Fall der Berliner Mauer, ein anderes könnte aus der heutigen Situation von Asylbewerbern erwachsen. Dass Mauern fallen, bedeutet aber auch, dass woanders neue entstehen. Die Freiheit, zu reisen, und die Freiheit, zu sagen, was man denkt, gehen in Lollikes Sicht der Dinge längst nicht nur mit positiven Konnotationen einher. Sie bedeuten auch ein Überangebot, ein zu viel Vielfalt, in dem sich die Menschen schnell verlieren können: Wie viel Freiheit verträgt der Einzelne wirklich? Und sind nicht die Grenzen und Mauern unserer Zeit vielleicht auch eine Notwendigkeit unseres Daseins?

[Zum Theater][Zur Besetzung]weiter [Kommentieren]weiter
strich468

Kommentare

Theaterfan
After the Fall
Vielen Dank für die Besprechung des Stückes. Eine Genugtuung ist es, zu wissen, dass die beachtenswerte und sehenswerte "After the Fall"-Theaterreihe auch kritisch und kompetent unter die Lupe genommen wird. Bitte mehr davon! Glück auf!
Bewertung ändern (nur mit Passwort!)

[Kommentieren]weiter

Aktuelle Kommentare

worst case
juliameer76

Die Geschichte der Zukunft
Theaterfan

Das Geld
Manfred Re.

wohnen. unter glas
stadelmeyer

Die Kontrakte des Kaufmanns
Schreibschützer

Jack und Jill
"Münsteraner"


© 2001-2010 mehrfilm GbR | Impressum | Hilfe | Werbemittel | Zugang nur mit Passwort Intern |