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„The Black Rider“ ist eines der erfolgreichsten und bizarrsten Theater-Musicals der letzten Jahrzehnte. Knapp zwanzig Jahre nach der gefeierten Uraufführung im Thalia Theater in Hamburg, bringt der Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer, erstmals nach erneuter Freigabe der Rechte, das Musical im Düsseldorfer Schauspielhaus zurück auf die Bühne. Kein leichtes Unterfangen, möchte man meinen, schließlich handelt es sich nicht um die bloße Inszenierung eines bestehenden Theatertextes, sondern um eine Neuadaption einer Inszenierung von Robert Wilson, Tom Waits und William S. Burroughs, die in den Köpfen ihrer einstigen Zuschauer einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.
Wie verhält sich ein Regisseur zu so einem übermächtigen Original? Welche Rollen spielen dabei die drei extrovertierten Künstler Wilson, Waits und Burroughs? Das Programmheft gibt den entscheidenden Hinweis. Man erfährt viel über den Autor des Textes, William S. Burroughs, nichts dagegen über den Dramaturgen des Thalia Theaters Wolfgang Wiens, der verantwortlich für die deutsche Fassung und die deutsch-englischen Sprachspiele war und dem Stück somit seinen Wortwitz gab. Es wird Tom Waits zitiert, dessen unnachahmliche Musik der Inszenierung ihre Stimmung gibt, aber es findet sich kein einziges Wort über den Regisseur Robert Wilson.
Ganz ähnlich verhält es sich auch mit der Aufführung. Die Musik von Waits und der Text von Burroughs geben der Inszenierung den Charme. Die Musiker befinden sich sichtbar hinten rechts auf der Bühne und werden zu einem der wichtigsten Elemente in Hermann Schmidt-Rahmers Konzept. Vorgestellt als „The devils revival band” spielen sie, als ob im wahrsten Sinne des Wortes der Teufel hinter ihnen her wäre, meisterlich unter der Leitung von Günter Lehr die depressiv-romantischen Songs von Tom Waits. Nur fehlen die expressiv-gestaltete Bühne und das stilisierte Spiel von Robert Wilson. Sein Bildertheater verweigert sich der Nachahmung wiedererkennbarer Realitäten. Es will spontane, ganz direkte Reaktionen provozieren. Der Zuschauer soll nicht begreifen, sondern erleben. In Hermann Schmidt-Rahmers Inszenierung bekommt er zwar ebenso die Möglichkeit, Assoziationen zu dem Bühnenerleben herzustellen, doch bleibt vieles an der Oberfläche und durchschaubar.
„The Black Rider“ basiert auf der Freischütz-Sage aus dem Gespensterbuch von August Apel und Friedrich Laun. Der Schreiber William verliebt sich in Käthchen, die Tochter des Försters und möchte sie heiraten. Um sich als Schwiegersohn zu qualifizieren, muss er den traditionellen Probeschuss der Familie bestehen. Da William aber kein Talent zum Schießen hat, lässt er sich vom Teufel verführen und nimmt dessen Geschenk, magische Kugeln, die jedes erwünschte Ziel treffen, an. Das Schicksal nimmt seinen tragischen Lauf.
Thiemo Schwarz spielt den naiv-leidenschaftlichen Schreiber, und er wirkt dabei genauso steif und leblos wie sein Anzug. Seine Motivationen bleiben unklar, und seinen Gefühlen haftet etwas Oberflächliches an. Dabei ist dieser junge Liebende keineswegs ein bewusster Täter, sondern vielmehr ein Opfer seiner Unwissenheit. Er weiß nichts vom Teufel und der Welt. So kann Pegleg ihn mit seinen Versprechungen ganz leicht täuschen. William sieht die anstehende Gefahr einfach nicht und glaubt wirklich, er müsse die Zauberkugeln nicht bezahlen. Am Ende büsst Käthchen mit ihrem Leben für seine Naivität. Er hingegen wird zum Junkie und die Kugeln zu seiner Droge. Auch Michael Schütz bleibt als Pegleg erstaunlich blass. Anders als Dominique Horwitz in Wilsons Uraufführung ist sein Teufel weniger ein eleganter Verführer als ein heiserer Marktschreier, der seine Ware anpreist.
Die wahre Protagonistin scheint damit Xenia Snagowski zu sein, die im Lauf der Aufführung in verschiedene Figuren schlüpft. Sie erinnert vielleicht ein wenig zu sehr an Nina Hagen, verkörpert ihre Rollen aber mit viel Enthusiasmus und Energie. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sie bei der Premiere den stärksten Einzelapplaus erntete. Auch das übrige Ensemble macht eine ganz gute Figur. Lediglich die sehr betont deutsche Aussprache der englischen Texte, mag ein wenig stören.
Die Bühne von Thomas Goerge präsentiert sich als eine Art überdimensionaler Pappkarton. Wände, Decke und Boden sind mit schwarzen Graffitis beschmiert. Überall stehen kleine grüne Tannenbäume und Stühle herum, und an der Decke hängt ein Hirschgeweihs. Es scheint fast, als ob man in das Gehirn eines Wahnsinnigen blicke. So sagt Pegleg zu Beginn der Inszenierung ganz treffend: „You’ll see Hitler’s brain.“ Während Wilsons Bühne 1990 an die expressionistischen Filme aus den zwanziger Jahren erinnerte, umweht Schmidt-Rahmers ein österreichisches Friedhofsflair, ein bisschen „Nightmare before Christmas“ von Tim Burton vermischt mit Forsthaus Falkenau: „Gothic goes Punk“. Die Försterfamilie trägt dazu durchaus passend dunkle Trachten. William und Pegleg erscheinen hingegen zunächst in Businessanzügen. Im Verlauf der Inszenierung verändert sich Williams äußerliches Erscheinungsbild allerdings durch Peglegs Einfluss. Sein akkurates, etwas spießiges Äußeres weicht einem wilden Cowboy-Outfit mit Stiefeln und Hut.
Zwei unterschiedliche Welten treffen aufeinander. Die Försterfamilie ist mit ihren Trachten im alten Europa verortet, während Pegleg mit seinem Cowboyhut der Neuen Welt zu entspringen scheinen. Und sind es nicht gerade deren Verlockungen, Cowboyhut und -Stiefel inklusive, denen William erliegt? Zumindest scheint damit mehr als nur eine leichte Amerika-Kritik auf. Schließlich führt Pegleg sein Opfer letztlich nicht an dessen ersehntes Ziel, also zu Frau und Geld, sondern nimmt ihm jegliche Existenzgrundlage. Das passt, nahm doch die Finanzkrise, die sich seit gut einem Jahr in der Welt ausbreitet hat, auch ihren Anfang in Amerika.
„Unsere Welt basiert auf Krieg und Spielen. […] Überall Gewinner und Verlierer“, sagt William S. Burroughs über „The Black Rider“. Die Spielmetapher wird in der Inszenierung durch Videoinstallationen, auf denen Einarmige Banditen zu sehen sind, und die wunderschön in den Bühnenraum hineinprojiziert werden, unterstützt. Wie sehr der Materialismus die Welt zu regieren scheint, zeigt auch jene Szene, in der William mit einem Einkaufswagen über die Bühne fährt, auf der Suche nach dem perfekten Gewehr für seinen Freischuss. An anderer Stelle heißt es dann auch: „Er will den Wald zu einem Laden machen, mit Preisschildern dran.“ Das Bizarre an dieser Shoppingszene wird durch eine Tanzeinlage eines Kosakenchors verstärkt. Wie in „Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft“ ertönt als Überleitung „And now for something completly different.“ Zusätzlich liest man auf einer Projektion im Hintergrund:„short intermission: Russischer Tanz.“ Als nächstes gibt der Kosakenchor eine kleine Szene über das Leben von Ernest Hemingway zum Besten. Zum Schluss stellt sich dieser auch noch als Ziel für Williams Probeschüsse mit seinem neuen Gewehr bereit. Inwieweit Schmidt-Rahmer mit diesem Zwischenspiel auf das Verhältnis zwischen Amerika und Russland verweisen möchte, bleibt aber offen.
Am Ende der Inszenierung werden die Schauspieler von Pegleg von der Bühne verscheucht. Sie gehen durch eine Tür auf der rechten Seite hinaus aus einer gestörten Bühnenwelt in eine vielleicht ebenso kranke Wirklichkeit. Interessanterweise steht dies antagonistisch zu Wilsons Inszenierung. Dort öffnet sich zu Beginn eine schwarze Box, vielleicht die Büchse der Pandora, aus der die Figuren hinaussteigen und in die sie am Ende wieder zurückkehren. Während bei Wilson alles Übel der Menschheit ein kurzes Intermezzo gegeben hat, scheint sich der dunkle Schatten bei Schmidt-Rahmer von der Bühne aus über die Welt jeneits des Theaters zu verbreiten, frei nach Kunos Motto: „Tout swaz ir welt.“