Baal

Baal

Theater für Menschen von heute

Ein Projekt mit jungen Laien nach Bertolt Brechts "Baal" im Studio des Theater Dortmund


von Désirée Langenbrink

Bereits seit zehn Jahren gibt es das Laientheater-Projekt am Theater Dortmund, nun hat das Duo Martina Droste und Thorsten Schlenger als neueste Produktion das frühe Drama Brechts mit jungen Amateurschauspielern erarbeitet. Das Erlebnis des brechtschen Theaters beginnt schon beim Betreten des kleinen Saals des Studios: Den Zuschauer erwartet keine klassische Bühnenform, sondern ein zum Teil zerlegtes Holzkonstrukt. In U-Form finden zwei Sitzreihen um die erhöhte Fläche aus Holzbrettern Platz. Einzelne Bretter ragen hervor, liegen verstreut herum und stehen an der Wand hinter der Bühne. Eines davon - mit einem Herzausschnitt durchlöchert - wird im späteren Verlauf der Aufführung von der Mutter des Baal ergriffen, eine Handlung, die seinen endgültigen Rausschmiss symbolisch unterstreicht. 

Zu Beginn liegt jemand mit nach unten gewandtem Kopf wie tot auf der Bühne. Helles Scheinwerferlicht ist auf das Publikum gerichtet, in dessen Mitte sich Baal befindet: Aufgeplustert durch einen Schaumstoffanzug wie jeder aus dem großen Schauspieleraufgebot dieses Abends, das im Wechsel Brechts Herrn, Meister, Besitzer, Ehemann, König oder Gott darstellt. Die Verfremdung der Figur des Baal - mal von einer Frau, mal von einem Mann gespielt - löst in den anderthalb Stunden der Aufführung die Bindung zwischen Schauspieler und Rolle. Nur vorübergehend kann einem Darsteller eine konkrete Figur zugeordnet werden wie zum Beispiel bei Ekart, einem Freund des Dichters Baal, der Komponist ist, was in der Dortmunder Aufführung aber nicht herausgearbeitet wird. Dazu treten auf: Baals Anhänger Johannes, sein Verleger Mech, dessen Frau Emilie, der Kritiker Doktor Piller und Johanna, die Freundin des Johannes, die sich aber von Baal schwängern lässt, sich in ihn verliebt und als er sie zurückweist, verzweifelt Selbstmord begeht.

Brecht selbst schrieb 1918 einem Freund: „ Meine Komödie Baal frisst! Baal tanzt!! Baal verklärt sich!!! Was tut Baal? ist fertig und getippt – ein stattlicher Schmöker! Ich hoffe damit einiges zu erreichen.“ Ob nun auch diese Aufführung jenem Eindruck gerecht werden kann, muss jeder Zuschauer selber entscheiden. Stimmgewalt dringt auf ihn ein, als neun der zehn Schauspieler auf die Bühne treten. Einen Vorhang gibt es nicht, das Publikum wird durch sich wiederholende Scheinwerferbewegung ins Licht gerückt, es wird angesprochen, angeschrien, zum Denken und Widerspruch aufgefordert. Die Titelfigur, Baal, ein Lyriker, der hochgelobt und schwer kritisiert wird, liebt auf der im ständigen Umbau befindlichen Bühne Männer wie Frauen, Mörder, Zuchthäusler und Zuhälter zugleich. Die Besetzung der Titelrolle mit jungen Darstellern passt zu Brechts Thematisierung des Aufbegehrens gegen Konventionen und der Erkenntnis durch gesellschaftliches Scheitern, er selbst war erst knapp 20 Jahre alt, als er dieses erste Drama verfasste. Nach dem Abitur war er kurz an der Universität in München immatrikuliert, wurde aber 1918 schon wieder aus dem Studium gerissen und musste als Sanitätssoldat in einem Augsburger Reservelazarett arbeiten. Anna Hörlings schlichte und sterile, vorwiegend weiße Kostüme wecken Assoziationen an Krankenhäuser und Lazarette und erinnern so an diese Umstände der Entstehung des Stücks, dazu dient der Einsatz von Schaumstoffelementen als Orientierungshilfe, wer welche Figur darstellt.

Der von Brecht vorgesehene blasphemische Choral erhält in dieser Inszenierung gleich zu Beginn die passende Form eines zugleich verwirrenden wie auch das Publikum einbeziehenden Durcheinanders paralleler lautstarker Monologe. Diese Umsetzung erfordert eine aktive Auswahl und eine Entscheidung des Zuschauers für eine oder wenige der gleichzeitig zu hörenden Aussagen, denn es ist unmöglich, alles in diesem Moment Dargebotene sinnlich zu erfassen. Die Inszenierung macht an dieser Stelle den gesellschaftlich bedingten Informations- und Dogmatiküberfluss, der besonders junge Leute bedrängt, nachdrücklich spürbar. Und wenn am Ende das Publikum erneut angesprochen und einbezogen wird, erhält die ganze Aufführung einen Rahmen: Am Schluss wechselt der Tonfall von aggressiv und wütend zu flehend und weinend, wobei für letzteres interessanterweise der weibliche Teil der Besetzung zuständig ist.

Martina Droste und Thorsten Schlenger gelingt eine spannende und anregende Aufführung, in der sowohl die Konventionen des Theaters als auch seine Funktion als gesellschaftliches Institut in Frage gestellt werden. Angeschrien werden und viel Sex auf der Bühne gepaart mit nicht professionellen Gesangseinlagen: Diese Mischung entspricht zwar gewiss nicht den Erwartungen eines jeden Zuschauers, aber gerade dieser Text von Brecht fordert das Spiel mit der Irritation heraus und eine Inszenierung in gefälligen konventionellen Bahnen wäre als misslungen zu betrachten. Der Dortmunder „Baal“ ist mit den zehn Laienschauspielern im Alter zwischen 17 und 25 Jahren im besten Sinne ein Stück von und für Menschen von heute, der hier eingeschlagene Weg deutet an, wie das Theater für junge Leute wieder attraktiver werden und zugleich den Horizont des interessierten Publikums jeden Alters erweitern kann.

 

[Zum Theater][Zur Besetzung]weiter [Kommentieren]weiter

Aktuelle Kommentare

worst case
juliameer76

Die Geschichte der Zukunft
Theaterfan

Das Geld
Manfred Re.

wohnen. unter glas
stadelmeyer

Die Kontrakte des Kaufmanns
Schreibschützer

Jack und Jill
"Münsteraner"


© 2001-2010 mehrfilm GbR | Impressum | Hilfe | Werbemittel | Zugang nur mit Passwort Intern |