Antidot (Gegenmittel)

Antidot (Gegenmittel)

Mutter ist auf der anderen Seite der Gasflasche

Nicoleta Esinencus „Antidot (Gegenmittel)“ zu Gast im Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr


von Sandra Kornmeier

20 Jahre nach dem Mauerfall erleben wir, wie Deutschland wieder die Merkmale eines Überwachungsstaates annimmt. Die Diskussion um den gläsernen Bürger durchläuft die Zeitungen. Kameras sollen öffentliche Plätze und Bahnhöfe sicherer machen. Der biometrische Pass Einreisende scannen und speichern.

Das aus der Republik Moldau kommende Mobile European Trailer Theatre beschäftigt sich in seiner Inszenierung von „Antidot“ (zu Deutsch: Gegenmittel) mit dem aus diesen Entwicklungen erwachsenden Gefühl der ständigen Beobachtung. Im Rahmen des „After the Fall“-Festivals war diese Produktion nun im Mülheimer Ringlokschuppen zu sehen.

4 Schauspieler stehen auf der sonst leeren Bühne vor einer Leinwand. Das Licht im Zuschauerraum bleibt an. Damit ist die vierte Wand aufgebrochen. Dem Zuschauer bleibt der Rückzug in die Dunkelheit, also auch die Anonymität des unerkannten Beobachters verwehrt. Zudem filmt eine Kamera über den ganzen Abend hinweg den kompletten Bühnen- und Zuschauerraum. Ihre Bilder werden auf die Leinwand hinter den Schauspielern projiziert.

Nicoleta Esinencu beschreibt in „Antidot“ die Situation in der kleinen Republik Moldau vor und nach dem Mauerfall. Ihr Text kreist dabei immer wieder in den verschiedensten Variationen und Symbolzusammenhängen um Gas und dessen Verwendung. Die Schauspieler berichten von chemischer Verseuchung und Giftstoffen, oder auch von Friedensbriefen, die in der Schule geschrieben werden müssen, nur damit sie anschließend im Altpapier landen. In einer anderen Momentaufnahme wird die Hilflosigkeit, mit der die Menschen vor einem abgeschalteten Gashahn stehen, an der Servicehotline einfach mit einem „Wir sind überfordert“ abgeblockt. Und dann fallen immer wieder die Sätze: „Du bist 10, und du kannst eine Kalaschnikow in 3 Minuten auseinandernehmen und wieder zusammenbauen. Du bist 10 und kannst dir in 0,01 Sekunden eine Gasmaske aufsetzten.“ Die Menschen werden alleingelassen mit der allgegenwärtigen Gewalt, die ständig hervorbricht, in Auseinandersetzungen zwischen russischen und moldauischen Kindern genauso wie zwischen Soldaten und Polizisten, und flüchten in den Konsum von Alkohol. Die einzige Konstante im Leben der Republik ist das Ablesen des Gaszählers.

Während in Deutschland der Mauerfall als Wiedervereinigung gefeiert wird und von „blühenden Landschaften“ die (Fest)rede ist, erhält die Republik Moldau gänzlich unvorbereitet die Unabhängigkeit. Nur hat – das ist die bittere Quintessenz von Nicoleta Esinencus Stück – dieser historische Umbruch Moldau kaum eine Veränderung gebracht. Mit Luftballons werden Waffen, Gas und Luft symbolisiert. Einmal bläst ein Schauspieler einen Ballon vor der Kamera bis zum Platzen auf – ein Spiel, das doch bitterer Ernst ist. Die Sehnsucht nach Leichtigkeit schwingt in dem Bild der durch die Luft fliegenden Ballons mit, aber genauso auch ein Verweis auf das Unfassbare, auf die Unmöglichkeit des Festhaltens.

In einem Interview hat Esinencu einmal gesagt, dass sie ihre Stücke im Grunde für ihr Land schreibt. Ihre Aufmerksamkeit gilt ganz und gar Moldau. Sie und ihre Schauspieler verstehen sich dabei nur als Vermittler. Dass sie am Ende des Abends nicht zum Applaus auf die Bühne kommen und den Blick des Zuschauers frei lassen auf die gemalte Silhouette eines kleinen Mädchens und einer schwangeren Frau mit Gasmasken – Repräsentanten einer von allen verlassenen Bevölkerung –, ist angesichts dieser Haltung nur konsequent.

Die politische Brisanz des Abends ist nicht zu leugnen, auch wenn er thematisch weitgehend in einem regionalen Kontext verharrt. Die vier identitätslosen Figuren führen das Publikum geschickt durch den sehr textlastigen und dabei teilweise leider auch recht einseitigen Abend. Die Dringlichkeit, die die in „Antidot“ verhandelten Themen für das Mobile European Trailer Theatre haben, lässt sich durchaus erahnen. Doch die Intensität bleibt im Inneren der Schauspieler verschlossen.

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