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Ein Schlagbaum – das sei geordnete Bewegung, sagt der alte Wachmann an der Grenze zwischen Polen und der Slowakei. Jetzt ist die Grenze offen, der Schlagbaum abmontiert und das neue Niemandsland an einen Türken verkauft. Am Stary Teatr in Krakau inszenierte Mikolaj Grabowski das Stück „Warten auf den Türken“ des polnischen Autors Andrzej Stasiuk abwechslungsreich, jedoch ohne den bitteren Beigeschmack des Textes zu vernachlässigen.
An dem verlassenen Grenzposten treffen Figuren aufeinander, die wirken, als gehörten sie in eine vergangene Welt. Gemeinsam schwelgen sie in Erinnerungen an die Konflikte, die sie an diesem Ort miteinander ausgetragen haben. Und alle sind sie sich einig, dass hier nichts verändert werden darf – schon gar nicht von einem Türken: „Das Einzige, was ich über den Türken weiß, ist, dass er nicht hierher gehört.“ Schließlich taucht anstelle des klischeehaft beschriebenen türkischen Mannes mit Goldkettchen eine geschäftstüchtige Türkin auf, und sie will nicht wie befürchtet einen Parkplatz bauen, sondern einen Themenpark über eine nicht weniger klischeehaft beschriebene Welt an der osteuropäischen Grenze.
Magdalena Musial hat dafür eine Bühne entworfen, die schon fast selbst ein Themenpark ist. Im Hintergrund ein Wald mit Tannenbäumen, dazu ein hell erleuchteter Grenzkiosk, eine brennende Tonne für die Nächte und schäbige Wellblechhütten, die als Unterkunft dienen. In dieser Atmosphäre lässt Grabowski seine Figuren Achterbahn fahren. Zwischen Sehnsucht und Unsicherheit, Tatendrang und Zukunftsangst fahren sie auf und ab.
Eine Gruppe von drei ehemaligen Schmugglern, die Grabowski als eine Art Chor inszeniert, führt durch den Abend. Das Trio kommentiert die Handlung, in die es aber nicht hineingezogen werden will: „Wir sind nur der Chor, wir nehmen an der Handlung nicht teil.“ Ihre choreographischen (Gesangs-)Einlagen verleihen der Inszenierung eine Musikalität und Leichtigkeit, die die Themenparkatmosphäre noch verstärkt. Marika, die Kioskbesitzerin und Hure, will ihren Laden an den Türken verkaufen und mit dem Geld und dem jungen Patryk, der als neuer Aufpasser eingestellt wurde, nach London reisen. London wird zum Synonym für Freiheit, Sehnsüchte und zweite Chancen.
Und dann ist da natürlich noch Edek. Der sensible Grenzwachmann a.D. will den Ort nach 35 Jahren nicht verlassen. Hier geht es nicht um politische Entscheidungen, die irgendwo getroffen wurden, sondern um eine Lebenseinstellung. Edek montiert den rot-weißen Schlagbaum wieder an und wehrt sich gegen die Privatisierung „seines“ Niemandslands. Die Sehnsucht nach London, das Bedürfnis nach Veränderung kann er nicht verstehen: „Wo steht geschrieben, dass Veränderungen zum Besseren sind?“ Edek ist der personifizierte Patriotismus eines Landes, das es nicht mehr gibt. Er wirkt wie ein Spielball der Abwesenden, die über die Köpfe der Betroffenen hinweg Entscheidungen fällen, die von Geld und Macht beeinflusst sind. Jetzt liegt er auf dem Spielfeld und wartet darauf, von welcher Seite er als nächstes getreten wird. Patryks Kollegin, eine Art Lara Croft des Wachschutzes, will den nicht mehr geduldeten Grenzer und die Schmuggler mit einer Fuhre Schaum von der Bühne spülen, aber sie lassen sich nicht einfach als ungewünschter Abschaum der Gesellschaft zur Seite wischen. Wie soll man in dieser Welt noch Mensch bleiben?
Die vermeintliche Heilsbringerin im weißen Businessdress (Kostüme: Magdalena Musial) sieht in den verlorenen Seelen die Protagonisten ihrer Rekonstruktion einer Welt, die es so nie gegeben hat. Edek soll als Zeitzeuge die Position des Beraters einnehmen und auf historische Korrektheit achten. Konsequent nur, dass er plötzlich alles vergessen hat, denn er kann nicht des Geldes wegen aus seinem Leben ein verfälschtes Touristenspektakel machen.
Es ist ein Makrokosmos, in dem die Antreiber politischer Entwicklungen die Bewohner vergessen und sie voller Unverständnis in ihrem Mikrokosmos zurücklassen. Grabowski zeichnet ein Bild der polnischen Gesellschaft, die auf der Schwelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Verharren und Aufbruch steht. Die kleinste Bewegung kann die Nadel in die eine oder die andere Richtung ausschlagen lassen. Aber weder Stillstand noch die vom Schlagbaum geordnete Bewegung sind Alternativen, das zeigt Grabowski deutlich.