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Wir schreiben das Jahr 1968. Eine Kommune hat sich in ihren Räumlichkeiten verbarrikadiert, um gegen die vermuffte Gesellschaft zu protestieren. Die Diskussionen sind ein Austausch der Parolen, die mit Inbrunst deklamiert werden. Wenn es langweilig wird – das vermeintlich Politische – dann gibt es auch mal Sex oder man trinkt oder spielt ein Spiel. Doch plötzlich herrscht Unruhe in der Kommune, denn ein älterer Herr will sich den jungen Leuten anschließen. Während des Dritten Reiches war er bestimmt ein Mitläufer, einer von denen, gegen die die Kommune protestiert. Kann man den wirklich aufnehmen? Diesen Wendehals?
Das gerade beschriebene Szenario lässt sich mit kleinen Änderungen in den langen Mittelteil des Stückes „Die Mauer“ aus der Feder der rumänischen Autorin Theodora Herghelegiu verwandeln, das beim Festival „After the Fall“ in der Stadthalle Mülheim aufgeführt wurde. Herghelegius Drama spielt Anfang des 21. Jahrhunderts im zweiten Stock eines rumänischen Theaters, indem sich ein paar junge Darsteller des Ensembles verbarrikadiert haben, um gegen die erstarrte Gesellschaft in Rumänien zu protestieren. Ihre Parolen sind etwas anders formuliert, bleiben formal aber Parolen ohne die Komplexität ihres Gegenstandes zu würdigen. Der Nazi-Mitläufer ist hier natürlich einer, der sich mit den Kommunisten arrangiert hatte. Dieser Mittelteil hat in der rückschauenden Betrachtung, nachdem man ihn durchgestanden hat, tatsächlich eine Qualität. Er wirft die Frage auf, inwieweit ähnlich wirkende Umbrüche vergleichbar sind und inwieweit es für das eigene Denken sowie Handeln überhaupt etwas nützt, auf einen geschichtlichen Erfahrungsschatz zurückgreifen zu können, auch wenn es sich um Erfahrungen anderer Menschen handelt. Denn das immer währende Parolendreschen der protestierenden Schauspieler, in deren Sätzen Formulierungen wie „Die Gesellschaft“, „Die Kommunisten“ und weitere kaum erträgliche Allgemeinposten Konjunktur haben, beweist nur, dass die Verblendung in undifferenzierten Positionen angesichts aufgestauter Wut ganz offensichtlich selbst durchlebt werden muss. Erst dann kann man zu einer Kultur der Diskussion aufbrechen, die auch andere Positionen wenigstens zu verstehen sucht, annehmen muss man sie ja nicht.
Im Mittelteil des Stücks „Die Mauer“ ist die Gesellschaft, um die es geht, gar nicht vorhanden. Die Protestierer werfen ihre Parolen in den Raum, deren abstrakt-allgemeiner Charakter etwas zur Gesellschaftsdiskussion beitragen soll. Aber die Gesellschaft selbst bleibt draußen vor der Tür. Deswegen besteht die Szenerie nur aus ermüdenden, abstrakten Vorträgen, die durch eine Prise Gewalt sowie Sex unterbrochen werden. Die Abstraktion wiederum, welche die Eigenheiten der geschilderten Situation hinfort wischt, sorgt für die Austauschbarkeit des Szenarios. Die Austauschbarkeit wiederum sorgt für ein Schulterzucken. Denn über Rumänien sowie die dortige Befindlichkeit erfährt man nichts, wenn man es nicht bereits vorher weiß. Stattdessen scheint eine 68er-Diskussion auf demselben, engstirnigen Niveau abzulaufen, wobei sich lediglich die Begriffe unterscheiden. Es ist durchaus möglich, dass das Stück mit einem anderen biographischen Hintergrund ganz andere, aufregende Welten eröffnet. Glücklich kann sich schätzen, wem das so geht.
Der Text über „Die Mauer“ ist aber natürlich keineswegs vollständig, ohne die beiden anderen Teile zu würdigen, die zusammen mit dem eben erwähnten Mittelteil das Gesamtstück bilden. Zu Beginn treten gleich gekleidete Menschen mit Strumpfmasken in verschiedenen Alltagsszenen auf. Sie spielen Tennis, stehen an der roten Ampel oder besuchen ein Restaurant. Die harmlos scheinenden Ereignisse münden stets in Gewalt. Das verwendete Mittel der Abstraktion erfüllt hier seinen Zweck, weil es nicht dazu genutzt wird, einer Handlung mit halbwegs real wirkenden Menschen die Differenziertheit zu entwenden, sondern weil das stilisierte, rein künstliche Konzept von vornherein den Weg aus einer realistischen Darstellung heraus sucht. Dadurch ergibt sich eine, auch visuell symbolisch erscheinende Welt, die vielfach interpretierbar ist. Fehlt wie im Mittelteil die visuelle Symbolik, die mit der Abstraktion eine Liaison eingeht, dann ergibt sich ein störender Bruch.
Das Ende besteht aus einem Chor in roten Overalls auftretender Menschen mit einem Blumengeweih im Haar, die laut Stückinformation ein rumänisches Volkslied singen. Die Absurdität der Darbietung – grüne Gartenzwerge spielen die Musik – eröffnet den Raum für unterschiedlichste Empfindungen sowie Wahrnehmungen. Anfang und Ende der Inszenierung bestehen aus Miniaturen, die ihre formale Idee in angemessener Länge ausspielen. Der Mittelteil erweist sich demgegenüber als ein zähes, redundantes und letztlich uninspiriertes Drama.