Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Verwirrungen des Zöglings Törleß, Die

Jene, die führen und jene, die folgen

Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ am Theater Oberhausen


von Frank Brenner

Die Gewalt unter Jugendlichen bestimmt gerade heute wieder in regelmäßigen Abständen die Meldungen in den Medien. Seien es Amokläufe von Schülern oder die scheinbar willkürlich eskalierende Gewalt in der Öffentlichkeit, der auch immer wieder Unschuldige zum Opfer fallen. Gerne wird als Erklärungsversuch der schlechte Einfluss von Egoshootern oder Killerspielen herangezogen. Dass diese latente Gewaltbereitschaft jedoch schon lange vor Erfindung der Computer existierte und auch medial thematisiert wurde, wird dabei oftmals leichtfertig übersehen. Eines der prominentesten Beispiele für die Analyse jugendlicher Gewaltexzesse stellt Robert Musils erstmals 1906 erschienener Debütroman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ dar. Da der Roman auf dem Lehrplan für das Zentralabitur der Grund- und Leistungskurse Deutsch steht, verwundert es nicht, dass derzeit einige Theater in der Region den 2002 von Thomas Birkmeir dramatisierten Roman auf ihrem Spielplan haben. In Oberhausen wurde das Stück nun von Roland Spohr im Malersaal des Theaters inszeniert, der für das kleine, intime und gefühlsintensive Vierpersonen-Werk den idealen Rahmen liefert.

Die fast gänzlich in Weiß gehaltene Bühne, an zwei Seiten von je einer Zuschauerempore eingefasst, wurde von Tobias Schunck spartanisch, aber effektvoll ausgestattet. Zwei weiße Sessel mit Rollen in der Bühnenmitte sowie vier längliche weiße Leinwände in vier Ecken der Bühne bestimmen das Bild zu Beginn des Stückes. Die vier Protagonisten sind Internatsschüler, denen man ihre gutbürgerliche Herkunft anhand ihrer Kleidung bereits ansieht. Auch Daphne Kitschens Kostüme unterstreichen noch einmal den Eindruck eines ästhetischen Gesamtkonzepts, denn alle vier tragen ausnahmslos weiße Kleidung. Reiting (süffisant-sadistisch: Stephan Weigelin) und Beineberg (unschuldig-dominant: Björn Gabriel) sind die beiden Rädelsführer der Schülergruppe, die im labilen Basini (fulminant als Opferlamm: Sebastian Schmeck) schnell ein Objekt für ihre gehässigen Spielchen gefunden haben. Um dazuzugehören, überschuldet sich Basini, stiehlt schließlich sogar eine größere Geldsumme. Die Clique, die dahinter gekommen ist, nutzt ihr Wissen, um den Dieb zu erpressen. Sie sehen von einer Meldung bei der Schulleitung ab, stattdessen quälen und drangsalieren sie Basini sowohl mit physischer und psychischer Gewalt als auch mittels sexueller Erniedrigungen. Törleß (lakonisch, aber mit starker Bühnenpräsenz: Caspar Kaeser) ist in der Konstellation der Mitläufer, ein guter Freund der beiden quälenden Sadisten, der deren Taten teilweise angeekelt verfolgt, teilweise mit abgewandtem Blick verdrängt, teilweise selbst seinen Gefallen daran findet, Basini zu erniedrigen.

Auch hinsichtlich der Schülerhierarchien hat sich Roland Spohr bei der Kostümierung seine Gedanken gemacht. Bei Basinis erstem Auftritt ist er als schwächstes Glied in der Kette barfuss, Reiting trägt als Rädelsführer, der zudem einen nicht zu übersehenden militärischen Hintergrund hat, schwere schwarze Reiterstiefel. Beineberg und später auch Basini sind mit schwarzen Halbschuhen ausgestattet, wohingegen Törleß weiße Schuhe trägt – ein Symbol der Unschuld, die im Laufe der Spielzeit allerdings befleckt wird ... mit dem Blut des geschundenen Basini.

Überhaupt ist Roland Spohrs Inszenierung bis in die kleinsten Nuancen durchdacht und folgt einem stimmigen und faszinierenden Gesamtkonzept. Alle vier Darsteller sind permanent auf der Bühne präsent. Jene mit Dialog spielen in der Regel zu einer der beiden Zuschaueremporen, während die stummen Darsteller auf der anderen Seite der Bühne zu der entgegengesetzten Empore blicken. Damit aber auch dem Publikum auf der vom Spiel abgewandten Seite nichts entgeht, wird das Geschehen dort von einem Kameramann (Friedrich Schönig) live eingefangen, und auf zwei der Leinwände auf der Bühne projiziert. Eine weitere, statische Kamera, dokumentiert das stumme Spiel der anderen Bühnenhälfte, das ebenfalls auf zwei Leinwände übertragen wird. Die Kamerabewegungen sind dabei aufs Akribischste durchgeplant, sowohl zeitlich als auch, was die Einstellungen selbst anbelangt.

Als Zuschauer kann man beim Betrachten zwischen dem „tatsächlichen Geschehen“ auf seiner Bühnenhälfte und den Kamerabildern hin- und herwechseln, sich Stück für Stück ein Gesamtbild zusammensetzen. Ebenfalls auf meisterliche Weise zusammengesetzt ist die Visualisierung von Reitings sexueller Misshandlung Basinis. Zwei Kameras filmen die beiden Schauspieler an entgegengesetzten Stellen auf der Bühne. Durch Doppelprojektion der Bilder auf den Leinwänden entsteht dabei der Eindruck eines Blow Jobs zwischen den beiden Schülern. Abgerundet wird die spannungsreiche und zeitgemäße Adaption des Musil-Stoffes in Spohrs Inszenierung durch die musikalische Untermalung von Karsten Riedel. Der zitiert bei den monetären Verstrickungen zu Beginn gewitzt Nino Rotas Soundtrack aus „Der Pate“ oder stimmt voller Wehmut am Ende Nelly Furtado an: „Flames to dust, Lovers to friends, Why do all good things come to en end.”

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