Noch nicht

Noch nicht

Suche nach öffentlicher Privatsphäre

"Noch nicht" - Ein Projekt von Hofmann&Lindholm am Schauspiel Köln


von David Porrmann

Einen „Desinformationsabend für Inoffizielle Mitarbeiter“ verkündet und verspricht der Untertitel von „Noch nicht“. Mit dieser ungewöhnlichen Ankündigung beginnt am Schauspiel Köln ein rätselhaftes Verwirrspiel zwischen zivilem Ungehorsam, der Suche nach Privatsphäre und individueller Selbstbehauptung. Der Countdown läuft für eine kriminalistische Dokumentation, die vorher getätigte Aktionen der Hauptdarsteller im öffentlichen Raum in Szene setzt. Aber noch bleibt genügend Zeit bis zum Start des so genannten „Testlaufes“, für den viel vorzubereiten ist. Schließlich müssen die Eingriffe exakt geplant sein, damit alles reibungslos funktionieren kann: Während der Staat sich immer weiter in das individuelle Leben vordrängt, soll die Rückeroberung des Privaten hier seinen Anfang nehmen.

Diese bewusst kryptisch gehaltene Eröffnung geleitet den Zuschauer in einen Krimi, dessen Protagonisten fünf Komplizen der Künstler Hofmann&Lindholm sind: Burkhard Bier, Andrea Boehm-Tettelbach, Tobias Fritzsche, Roland Görschen und Lara Pietjou. Ihre „Delegierten Interventionen“ bilden die Grundlage der exakten und detaillierten Inszenierung, die durch den gezielten Einsatz von Videoprojektionen und Musik eine weitere Dimension erhält. In Kombination mit der Darbietung der nicht professionellen Darsteller wird so eine dichte und mitreißende Atmosphäre kreiert, die vor allem das Subversive ihrer Handlungen hervorhebt und den Blick für die eigene Umgebung schärft.

Jeder Komplize hat prägnante Gegenstände seines Lebens ausgesucht und diese an öffentlichen Orten platziert – Geld, Dokumente, Familienfotos, Kleidung und Bildbände über Olympische Spiele. Nach eingehender Recherche und genauer Planung der Vorgehensweise starten die Aktionen zeitgleich. Der bisher harmlos anmutende Zeitvertreib bekommt schnell eine andere Dimension, da sich Ähnlichkeiten zu terroristischen Vereinigungen offenbaren: Aus dem Spiel wird Ernst. Die Öffentlichkeit wird für den Einzelnen zurück gewonnen, aber zeitgleich steht die Unverletzlichkeit unserer Gesellschaft in Frage – was würde passieren, wenn Sprengstoffe anstelle von Dokumenten versteckt worden wären? Die von Hofmann&Lindholm intendierte doppelte Realität hält also auch einen doppelten Boden bereit: Die Kritik an einem drohenden Überwachungsstaat geht quasi Hand in Hand mit einer indirekten – und vielleicht unabsichtlichen – Forderung nach ihm. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. Was ist tatsächlich im Vorfeld der Aufführungen geschehen? Wie viel von dem, was der Zuschauer sieht, entspricht der Wahrheit? Handelten die Komplizen auf eigene Faust hin oder auf Anweisung des Regieteams?

„Noch nicht“ wirft mehr Fragen auf als beantwortet werden – kein schlechtes Merkmal, denn nicht alles um uns herum kann und darf so hingenommen werden wie es ist. Die gesellschaftliche Ordnung ist an vielen Stellen brüchig, aber die Mittel zu ihrer Aufrechterhaltung sind es auch. Es bedarf korrigierender Interventionen, insbesondere in Bezug auf die Wahrung der individuellen Freiheit. Dennoch verpufft der anfänglich aufgebaute Spannungsbogen im etwas knapp geratenen Finale, sobald sich die Komplizen auf den Weg machen, ihre Habseligkeiten einen Tag später wieder einzusammeln. Das Aufbegehren gegen eine drohende düstere Realität ist nach einem Jahr der Planung nach nur einem aktionsreichen Tag beendet – die rebellischen Komplizen kehren mit ihrem größtenteils kompletten Hab und Gut wieder in ihr ursprüngliches Leben zurück: Alles geht seinen gewohnten Gang.

Trotzdem sensibilisiert die facettenreiche Vorstellung für ein seit langem schwelendes, gerade wieder brandaktuelles Thema. Schließlich hat die Europäische Union eben erst das SWIFT-Abkommen mit den USA verabschiedet, das US-Terrorismusfahndern weiterhin Zugriff auf alle Zahlungsdaten des globalen Bankdienstleisters SWIFT ermöglicht. Mittlerweile werden von dieser Firma die Transaktionen und der Nachrichtenverkehr von über 8.000 Geldinstituten weltweit abgewickelt – in wie weit hier Datenschutz gewährleistet werden kann, sei dahin gestellt.

„Noch nicht“ lässt hier jedenfalls eine etwas optimistischere Einschätzung erkennen, denn noch gibt es Freiräume im eigenen Heim, die eine Flucht nach vorne in die Öffentlichkeit überflüssig machen. Noch ist es nicht soweit, dass der Mensch seine Identität in eine kleine Holzkiste packen und diese auf ein Fließband zur Inventarisierung stellen muss. Noch bleibt Zeit, sich gegen weitere Fremdbestimmung zur Wehr zu setzen.

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