Nekrassow

Nekrassow

Betrogener Betrüger

Jean-Paul Sartres "Nekrassow" im Schauspielhaus Dortmund


von Desiree Langenbrink

Georges de Valéra alias Nekrassow: Betrüger, Schauspieler, erfolglos Suizidaler. Sartres Figur ist durchtrieben, arrogant und zugleich Mitleid erregend, da sie letztlich machtlos ist gegenüber den skrupellosen Methoden von Presse und Politik, die von einer angstgeblendeten Gesellschaft getragen werden. Philipp Preuss erzählt ihre Geschichte in seiner Inszenierung am Schauspielhaus Dortmund mit viel Witz. Beginnend mit dem missglückten Versuch, sich zu ertränken, bei dem Valéra von zwei Obdachlosen gerettet wird, geht es auch im weiteren Verlauf der Aufführung bizarr zu: Tetris-Sound und Klassik reichen sich die Hand, Preuss lässt Journalisten-Marionetten tanzen, als Stühle dienen Stapel von Ausgaben der „Ruhrnachrichten“, telefoniert wird mit den High-Heels der Sekretärin Palotins und die Dialoge erhalten durch an- und wieder ausspringende Glühbirnen visuelle Akzente und Kontrapunkte. Orson Welles` „Citizen Kane“ wird ins Spiel gebracht, überall lauern intertextuelle Bezüge. Es ist kaum möglich, alle Anspielungen in den fast pausenlosen Gesprächen und inmitten der unaufhörlichen Bewegung zu erfassen.

Hinter Sauereien mit Wasser und alkoholfreiem Sekt, hinter dem ganzen Aktionismus auf der mit reichlich Türen ausgestatteten Bühne zeichnet sich das Nichts Sartres deutlich ab. Dessen Philosophie und die heute wieder zunehmend wichtigere Bedeutung seiner oft kritisierten „linken“ Sichtweise wird von Preuss gut herausgearbeitet. Das Geplapper von Figuren wie dem unangenehmen Mouton, seinem Untergebenen Palotin und dem sich schon beim ersten Auftritt als Trottel enttarnenden Inspektor Goblet fügt sich mit gestalterischen Elementen wie der Markierung der Kandidaten auf der Todesliste des Betrügers Valéra, die er als vorgeblicher sowjetischer Minister Nekrassow erstellte, durch Glatzkopfmasken und eine ausgeklügelte Geräuschkulisse, die noch vor der Öffnung des Vorhangs einsetzt, zu einer Farce mit vielen unterhaltsamen Momenten. Viele von Sartres Ideen wie die Abschiedsformel „lapidar“, mit der ein kurzer Auftritt der Figur des Bürgermeisters von Travadja endet, werden direkt umgesetzt, so dass eine durchaus getreue und vielschichtige Adaption dieses vielschichtigen Stoffes entsteht.

Das in Zeiten des Kalten Krieges hochaktuelle Stück hat seine direkte Bedeutung auf den ersten Blick offensichtlich verloren, gesellschaftskritische Aspekte wie Sartres Aufruf zur politischen Verantwortung und die Kritik an hierarchiengläubigen Heuchlern sind aber gerade heute wieder von enormer Wichtigkeit. Preuss unterstreicht dies durch seine assoziative, das Publikum herausfordernde und einbeziehende Deutung, die trotz gelegentlicher Längen überzeugend zur erneuten Auseinandersetzung mit dem Sein und dem Nichts einlädt.

 

 

 

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