Clavigo

Clavigo

Der flexibilisierte Mensch

Johann Wolfgang Goethes "Clavigo" im Theater am alten Mark


von Stefan Dabrock

Goethes Clavigo, die Hauptfigur in seinem gleichnamigen Trauerspiel, ist ein Charakter mit vielen Facetten. Der spanische Schriftsteller eignet sich als ideale Folie für die Inszenierung eines schmierigen Machtmenschen, der seine Liebe zur Französin Marie kaltlächelnd über Bord wirft, weil sie seinen weiteren Aufstieg am spanischen Hofe behindern würde. Die Modernisierung des Stoffes muss aber nicht zur Demontage eines typischen Karrieristen unserer Zeit genutzt werden, so wie es Samuel Schwarz in seiner guten Inszenierung am Bochumer Schauspielhaus im Jahr 2003 gemacht hat. Die Figur des Clavigo eignet sich auch in der Modernisierung für die konsequente Umsetzung eines Dramas, das seinen Protagonisten in ein emotionales Dilemma zwischen beruflichem Fortkommen und privatem Glück schickt.

 

Diesen Ansatz hat sich Dariusch Yazdkhasti bei seiner Inszenierung am Theater Bielefeld zu eigen gemacht. Clavigo, dem es seit seiner Trennung von Marie an schriftstellerischer Inspiration mangelt, wendet sich nach der Konfrontation mit Maries aufgebrachtem Bruder wieder der Französin zu. Nach einigem Zaudern vergibt Marie Clavigo, nur um erneut verlassen zu werden, weil Clavigos Freund und Berater Carlos Einfluss auf den Schriftsteller ausübt.
 

Alexander Swoboda gelingt in der Rolle das Clavigo eine gute schauspielerische Leistung, welche den Spagat zwischen rationaler Entscheidung und emotionaler Hingabe in Unsicherheit auflöst. Sein Clavigo ist ein durch und durch wankelmütiger Mensch, der aufgrund der unterschiedlichen Einflussgrößen bald hierhin und bald dorthin ausschlägt. Wenn er sich gegenüber Maries Bruder einsichtig zeigt, dass sein Verhalten falsch gewesen ist, dann wirkt Swoboda nicht etwa wie ein kühler Taktiker, der zur Beruhigung der Lage ein wenig Reue zeigt, nein er wirkt aufrichtig. Sein emotionales Zentrum ist immer noch Marie zugeneigt, die Liebe nicht erloschen. Sobald Clavigos Berater Carlos aber wieder den gefährdeten sozialen Aufstieg ins Spiel bringt, ändert der spanische Schriftsteller sein Verhalten aufs Neue. Gleich zu Beginn der Inszenierung bündelt Clavigo das während des Stücks in ihm tobende Drama selbst, wenn er auf die noch leeren Papierwände der Bühnenbegrenzung „Liebe ist eine bedingungslose Entscheidung“ schreibt. Hier vermengen sich Gefühle und Verstand zu einem ebenso widersprüchlichen wie scharfsinnigen Gedanken. Denn der Logik, die sich in der Reflexion einer konsequenten Liebe widerspiegelt, steht das Konzept der reinen Emotionalität einer tiefen Liebe entgegen, die eine solche Reflexion nur schwer und die Verknüpfung mit einem rationalen Akt der Entscheidung überhaupt nicht zulässt. Aus dem Kampf der beiden sich aufgrund ihrer starken Kräfte letztlich aufhebenden entgegengesetzten Pole resultiert eine Leere, die in den hellen, inhaltslosen Papierwänden des Bühnenbildes einen Wiederhall findet. Die Sehnsucht des Menschen nach einem erfüllten Leben lässt eine solche Leere oder einen solchen Widerspruch aber nicht zu. So wie der Einzelne durch angepasstes Verhalten versucht, die Kräfte auszutarieren, um die aus der Unsicherheit entstehende Leere zu kaschieren, so füllen Clavigo und später auch Maries Bruder die Wände mit Worten als Symbol für Orientierung – wobei Clavigo an der Austarierung scheitert.
 

Yazdkhasti sorgt bei seiner Inszenierung geschickter weise dafür, das die verschiedenen Aspekte des Dramas immer präsent bleiben. Denn keine der Figuren verlässt die Bühne. Wenn Carlos und Clavigo über Marie sowie sinnvolle Entscheidungen reden, dann ist Marie im Hintergrund stets anwesend. Sie sieht sich einem Menschen gegenüber, dem das Austarieren der Kräfte nicht gelingt. Dem Wechsel aus Ablehnung sowie Zuneigung, dem sie bei Clavigo ausgesetzt ist, zerstört auch ihre Fähigkeit, eine feste Position im Leben einzunehmen. Silvia Weiskopf verkörpert das fragile Innenleben Maries mit bewundernswerter Zurückhaltung. Sie steht dem Wankelmut Clavigos mit einer Fassungslosigkeit gegenüber, die in totalem Unverständnis sowie nagenden Selbstzweifeln münden. Der Verfall Maries, die nur noch in einer kurzen Phase des Zorns gegenüber Clavigo lebendig wirkt, ist in den sonst kraftlosen Bewegungen Weiskopfs eindrucksvoll sichtbar. Marie wird zwischen den Mühlsteinen langsam aber sicher zerrieben. Neben Marie sowie Clavigo befinden sich aber auch die übrigen Figuren Carlos, Maries Schwester und Maries Bruder immer auf der Bühne, auch wenn sie nicht gerade Teil der Szene sind. So gelingt Yazdkhasti eine intensive Konzentration auf die Dynamik der einzelnen Kräfte, für die die jeweiligen Figuren wie beispielsweise Carlos als kühler, auf gesellschaftlichen Erfolg ausgerichteter Berater stehen. Ihre zeitlose Relevanz in einer Gesellschaft, in welcher der zunehmend flexibilisierte Mensch immer schwerer einen Ausgleich der widerstreitenden Pole vornehmen kann, wird dadurch umso mehr betont. Clavigo findet deswegen auch nicht wie bei Goethe am Sarg Maries eine Erlösung im Tod, sondern er verfällt angesichts ihres Leichnams dem Wahnsinn, den Swoboda in einem flirrenden Schlussmonolog lebendig werden lässt, während die rückwertigen Scheinwerfer dem Geschehen mit gleißendem Licht eine Atmosphäre ansteigenden Irrsinns verleihen.

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