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Was würde passieren, wenn Jesus Christus heute durch Oberhausen ginge? Wie würde die Menschheit im 21. Jahrhundert auf den christlichen Heiland reagieren? Würden sich die biblischen Ereignisse wiederholen oder haben die Menschen innerhalb der letzten 2000 Jahre dazu gelernt und sich weiter entwickelt? Oder sieht Jesus für sich ein anderes Schicksal vor und ist es leid, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen? Diesen Fragen geht das Theater Oberhausen mit einer eigenen Version der Johannes-Passion nach.
Den Hintergrund der Inszenierung des katalanischen Regisseurs Joan Anton Rechi bildet das Oratorium von Johann Sebastian Bach, das am Karfreitag 1724 in der Nikolaikirche in Leipzig uraufgeführt wurde und in dem die biblische Passionsgeschichte des Johannes-Evangeliums musikalisch und lyrisch verarbeitet wird. Bach hatte Dichter seiner Zeit dazu bewogen, mitzuarbeiten, so dass auch außerbiblische Textelemente und geistliche Lyrik eingeflossen sind. Durch diese Bezüge sollte den Menschen vergegenwärtigt werden, dass Jesu Geschichte für das tägliche Leben weiterhin wichtig und brandaktuell war.
Für „Die Oberhausener Johannes-Passion“ ist man ähnlich vorgegangen und hat den Dramatiker Lothar Trolle fast ein Jahr lang mit Zeitungen der Stadt versorgt, wodurch sich dieser ein tagesaktuelles Bild des lokalen Geschehens machen konnte. Auf dieser Grundlage entwickelte er neue Szenen und Texte, die collagenartig mit der Originalmusik Bachs verbunden werden. Herausgekommen ist hierbei eine verflochtene – und teilweise auch verworrene – Erzählung über menschliche Schwächen, über politische und wirtschaftliche Fehler, über Pop- und Konsumkultur.
Als Dreh- und Angelpunkt der Leidensgeschichte wurde der Oberhausener Hauptbahnhof ausgewählt, Alfons Flores` Nachbau erhält im Laufe des Abends immer neue zusätzliche Konnotationen, schließlich wird der Bahnhof der Ruhrgebietsstadt zum Kreuzigungshügel Golgatha und zur Grabeskirche in der Altstadt Jerusalems. Diese sehr gelungene Schauplatzauswahl führt direkt zu Beginn zu einem der stärksten Momente: Die Menschen hasten durch den Bahnhof – immer auf Pünktlichkeit bedacht und bemüht unter allen Umständen den nächsten Zug zu bekommen. Nur auf sich selbst fixiert und ohne jegliche Seitenblicke auf die eigenen Mitmenschen: So charakterisiert Rechi hier eine Gesellschaft, die keinerlei Rücksicht auf Verluste nimmt. Die immer wieder gleichen Abläufe werden schließlich durch den Auftritt Jesu (Jürgen Sarkiss) konterkariert, der in völliger Seelenruhe zwischen den ameisengleichen Menschen erscheint und zumindest zu Beginn dennoch einer von ihnen ist: Erst nachdem er Jeans und T-Shirt gegen ein Gewand eintauscht, sticht er aus der grauen Menge heraus und das eigentliche Stück beginnt.
Durch den Abend führt der Evangelist Johannes (Martin Hohner) höchstpersönlich, der zuerst vom Verrat durch Judas (Michael Witte) und von der anschließenden Gefangennahme Jesu durch Pontius Pilatus (Hartmut Stanke) berichtet, bevor er kurzzeitig die Rollen tauscht und in Gestalt des Petrus selbst ins Geschehen eingreift – dreimal verleugnet er Jesus. Es folgt das Verhör Jesu durch Pontius Pilatus, der den Gottessohn auspeitschen lässt, um ihn anschließend freizulassen. Dies stößt jedoch auf großen Widerstand und selbst die Jünger, die geheiligte Maria (Susanne Burkhard) und deren Gegenpart, die Prostituierte Maria Magdalena (Nora Buzalka), fordern den Tod Jesu. Sie tragen das Kreuz herein und schlagen ihn an selbiges.
Parallel zur Kreuzigung schaufelt Judas das Grab des Heilands – und in gewisser Weise auch sein eigenes: Gefangen in einer konsumorientierten und -dominierten Welt besteht seine Mittagspause aus einem „McDonald´s“-Cheeseburger und einer Zigarette – langfristig kaum weniger tödlich als die Hinrichtung. Mit der Auferstehung des selbständig vom Kreuz steigenden Jesus endet „Die Oberhausener Johannes-Passion“ – die Menschen haben sich nicht verändert, lediglich die Götzen, denen sie huldigen, sind neu. Das Paradebeispiel dafür ist die irdischen Verlockungen verhaftete Maria, die als Ikone in einem Einkaufswagen von einem Obdachlosen durch den Bahnhof geschoben wird und alle Supermarktangebote auswendig rezitieren kann: „Geiz ist geil“.
Die bekannte Rahmengeschichte wird von Szenen Trolles ergänzt, durch die sich als zentrales Thema die Vergänglichkeit menschlicher Werte und Institutionen zieht: Oberhausens Innenstadtsterben und die Haushaltssperre, der mangelhafte soziale Wohnungsbau und Hartz IV. Diese Zwischensequenzen fügen sich größtenteils nahtlos in die Passionsgeschichte ein, an einigen Stellen wirken sie jedoch zu stark konstruiert und stören den Fluss der Erzählung. Im Ganzen dokumentieren sie dennoch überzeugend die Notwendigkeit von Veränderungen, Demut und Erlösung in einer Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufklafft.
Ergänzt wird die Handlung durch den wörtlich zu nehmenden Engelsgesang der Sopranistin Mascha Bohn, die von einem Musiker-Quartett (Cello, Klarinette und Bassklarinette, Sopransaxophon, Klavier) begleitet wird. Aber auch die Darsteller dürfen ihre gesanglichen Fertigkeiten unter Beweis stellen und lassen ihrem Frust und ihrer Trauer über die gegenwärtige Situation in origineller Weise freien Lauf, wobei die Darbietungen das ganze Spektrum von melancholisch ruhig bis lautstark brüllend abdecken. Nur die massiv eingesetzten Tonbandeinspielungen der Bachschen Musik wirken oft unpassend – schließlich hat man ein großartiges Quintett aus Sopranistin und Musikern engagiert. Wunderbar fügt sich dagegen das Lied „Bodies“ von Robbie Williams als Einspieler in das Gesamtkunstwerk, da es einerseits die Notwendigkeit der Suche nach einem tieferen Sinn zum Ausdruck bringt, aber andererseits auch die Oberflächlichkeit menschlicher Beziehungen, die Angst vor Zurückweisung und das damit einhergehende Streben nach Perfektion spiegelt.
Jesus aber legt nur selten menschliche Regungen an den Tag und das auch nur dann, wenn ihm Unrecht getan wurde. Das entspricht der Vorlage, denn im Johannesevangelium steht besonders die Göttlichkeit Jesu im Vordergrund, es wurde hauptsächlich zur Vertiefung des christlichen Glaubens verfasst. In der Oberhausener Inszenierung verleiht dieser Akzent dem Gegensatzpaar von Wissenschaftsglaube und Religion die Konturen einer Parabel, die frei nach Ernst Bloch, der in der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen eines der wesntlichen Merkmale der Moderne erkannte, die inneren Widersprüche unserer Gesellschaft aufdeckt. Der Konsum ersetzt moralische Grundwerte – die Angebotswerbung wird zur Bibel, der Fernseher zum Erzieher und das Einkaufszentrum zur Pilgerstätte. Jesus selbst verkommt zum Popstar und findet sein Konterfei auf einem Poster neben Che Guevara und Marilyn Monroe wieder.
Neben dem ausgezeichneten Bühnenbild ragen Hartmut Stanke als machtloser Pontius Pilatus und Michael Witte als unentschlossener Judas ebenso heraus wie die fabelhafte Sopranistin Mascha Bohn. Und auch wenn der Abend insgesamt fast schon naturgemäß uneinheitlich geraten ist, überwiegen die positiven Eindrücke deutlich. Eine Inszenierung voller Denkanstöße und Ideen, an deren Ende ein Funken Hoffnung steht: Joan Anton Rechi lässt den ansonsten durchweg passiv agierenden Jesus am Ende doch noch in einem Akt der Selbstbehauptung eigenständig vom Kreuz steigen: Wenn die Menschheit jetzt immer noch nicht soweit ist, das Paradies auf Erden (mit) zu gestalten, dann muss in 2000 Jahren eben der nächste Versuch gestartet werden.
Oder, um es mit Robbie Williams zu sagen: „And your Jesus really died for me – I guess, Jesus really tried for me.“