Sieben Türen

Sieben Türen

Anregende Gespräche

Botho Strauß` "Sieben Türen" im Theater unter Tage


von Mareike Möller

Eine Tür ist Eingang und Ausgang zugleich. Sie öffnet Häuser und Räume und gibt Menschen die Möglichkeit zueinander zu finden, etwas Neues zu erleben. Eine geschlossene Tür hingegen grenzt den Einen von dem Anderen ab, bietet somit aber auch Schutz vor Fremden und Gefahr. Eine Tür ist das Portal zwischen zwei Welten. Ein Übergangsort. Sieben Türen wecken sieben Möglichkeiten. Botho Strauß` gleichnamiges Stück aus dem Jahr 1988 spielt mit den Chancen zwischen den Türen. In zehn Szenen zeigt er grotesk-tragische Momente aus dem Alltagsleben, die er selbst im Untertitel als „Bagatellen“ bezeichnet.

Nachdem Frank-Patrick Steckel das Stück vor zwanzig Jahren im großen Haus inszeniert hat, hat sich Intendant Elmar Goerden für seine Fassung in den Keller, auf die kleinste Bühne des Bochumer Schauspielhauses, das Theater unter Tage, begeben. Interessanterweise hat eben jener Raum exakt sieben Türen. Diese erstrahlen zwischen den Szenen jeweils im hellen weißen Licht. Die Zuschauer sitzen im Halbkreis auf hell-blauen Ikeaplastik-Bürostühlen mit dem schönen Namen „Snille“. Diese entpuppen sich zwar im Laufe des Abends als nicht besonders bequem, doch rückt man unweigerlich durch die begrenzte Sitzfläche etwas näher aneinander. Das Raumkonzept von Thomas Goerge beschränkt sich auf eine leere Bühne: ein ovaler Kellerraum mit Betonwänden. Die Schauspieler rücken in das Zentrum des Geschehens.

In einer Art Bilderfolge werden die Szenen hintereinander präsentiert. Den Anfang macht „Der Selbstmörder und das Nichts“. Evamaria Salcher betritt in einem schwarzen Neglige und Pumps, völlig durchnässt, die Bühne. Sie spielt einen Mann und Erfinder, der sich im Wasser ertränkt hat und nun auf das Nichts trifft, dargestellt von Michael Lippold, der sich zuvor hinten im Zuschauerraum versteckt hat und sie in der Hölle begrüßt. Sie reden miteinander, „ist ja nicht das Schlimmste“. Doch für den Selbstmörder ist gerade diese Freizeitbeschäftigung die wahre Hölle. Hades` Reich zeigt sich in Botho Strauß` Stück als ewiger Smalltalk, ein Fegefeuer der Unverbindlichkeiten. Der Dialog wird zum Fokus der Inszenierung. Das Reden zum Schutz und zur Strafe zugleich. Strauß` Sprache setzt sich aus Kunst- und Literaturzitaten zusammen. Er benutzt Redensarten und Floskeln, Alltagsprache und Jargon. Dies schafft zum einen eine gewisse Vertrautheit, zum anderen wird die Sprache als Waffe benutzt. In ihr offenbart sich die innere Leere des Menschen, seine Selbstentfremdung und Ausweglosigkeit. „Der Mensch an sich ist ein Versehen im Programm der Schöpfung“, heißt es an einer Stelle.

In den besten Momenten der Aufführung erscheinen die Szenen wie aus dem Alltag gegriffen. Sie sind schauspielerisch glaubhaft und bringen den subtilen Humor der Textvorlage vollends zur Geltung, wie z.B. die zusätzlich eingefügte Szene der Stockholmer Uraufführung „Jeannine.“ Dagegen stehen Slapstick und übertriebene Gesten, die weniger zum Lachen als zum Weinen animieren, da sie den Subtext und das Philosophische in der Alltagssprache zerstören, anstatt hervorzuheben. Manchmal ist weniger eben doch mehr.

Die Figuren in Strauß` Stück sind ständig auf der Suche nach etwas. Sie sind verunsichert, so beginnen die meisten Szenen mit einer Frage: „Haben Sie einen Leibwächter gesucht?“ In der Szene „Die Wächter“ treffen Cornelius Schwalm als Parkwächter und die kleine Maja Beckmann als Leibwächter aufeinander. Er möchte sie als persönlichen Bodyguard engagieren, da er Angst vor einem Angriff hat. Das „anregende Gespräch“, das beide nun führen, ist, laut seiner Aussage, „der beste Schutz, den ein Mensch genießen kann.“

Hoffnungslosigkeit und unerfüllte Glücksuche, Verzweiflung und Wut kennzeichnen die Begegnungen. So flippt Maja Beckmann als Leibwächter völlig aus, weil sie das Angebot des Parkwächters nicht annehmen möchte. In den meisten anderen Szenen kommt es ebenfalls zu Konflikten und Wutausbrüchen. So wird selbst der vermeintlich schönste Tag im Leben, der Hochzeitstag, zur Katastrophe, da das sich liebende Brautpaar (Maja Beckmann in einem opulenten schwarzen Brautkleid und Evamaria Salcher als Bräutigam im Elisabethanischen Kostüm) in ihrem Glück vergessen hat, Gäste zu ihrer Hochzeit einzuladen. „Der große Schlendrian hat sich breit gemacht.“

Immer wieder werden die Szenen durch rätselhafte und unerklärliche Dinge unterbrochen. Das Surreale, der Traum bricht in das Geschehen ein. So läuft plötzlich Maja Beckmann als weißer Friedensengel in der letzten Szene „Jeannine“ an zwei streitenden Verhandlungsführern vorbei oder zwei Feuerwehrmänner stellen in einer anderen Szene bildnerisch einen Löschzug dar. Diese Regieideen erscheinen jedoch eher zu dick aufgetragen, als dass sie für Verwirrung sorgten oder zum Lachen oder Nachdenken anregen würden. Der Teufel steckt eben doch im Detail und so endet der Theaterabend leider nicht als Bagatelle mit großer Wirkung, sondern „in Minuten mit Überlänge“ (Botho Strauß).

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