Was bleibt - Favoriten des Mehrtheater-Teams

Was bleibt - Favoriten des Mehrtheater-Teams

Wider die Krisen

Erinnerungswürdiges aus den Jahren 2000 - 2009


von Eva, Désirée, Mareike, Sandra, Andreas, Christian, David, Stefan, Sascha

Was ist Kunst? Nach Johann Wolfgang von Goethe ist sie"eine Vermittlerin des Unaussprechlichen". Was das bedeutet, dazu hat sich auch Hermann Hesse seine Gedanken gemacht: "Der Künstler stellt innerhalb unserer Gesellschaft den einzigen Menschentypen dar, welcher unbekümmert und unter weitgehender Duldung durch die Gesellschaft sich selber lebt, seiner eigenen Natur treu ist und so ein Gebot erfüllt, das jedem Menschen ins Herz geschrieben ist, dessen Ruf aber für die meisten im trüben Kampf um das Tägliche erstickt."

Im Kampf ums Tägliche nimmt die Kunst bei den Mehrtheater-Autoren aus vielerlei Gründen einen großen Platz ein. Passend zum Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts haben wir jetzt noch einmal einen Blick zurückgeworfen und uns dabei gefragt: Was ist haften geblieben? Was hat einen besonderen Eindruck hinterlassen? Oder was hat mich vielleicht sogar persönlich verändert? Die Antworten sind so vielfältig und hoffentlich auch so überraschend, wie es Kunst und Kultur in dieser Dekade waren. Hier also nun unsere künstlerischen Highlights des vergangenen Jahrzehnts:

 

 

Stefan Dabrock

Musiktheater: „Richard III“ von Giorgio Battistelli. Inszenierung: Robert Carson. Rheinoper Düsseldorf (2007)

Der Despot als Schauspieler, die Diktatur erhält ihre Macht durch die perfide Inszenierungskunst. Robert Carson zeigt, wie auch heute noch eine mitreißende Bühneninszenierung möglich ist, die eine Ausdruckskraft jenseits reiner Vorführqualitäten entfaltet. Das expressive Spiel mit hartem Schwarzweiß-Kontrast in einer arenaförmigen Bühne, mit perfekter Lichtsetzung und einem aufgrund absolut gleichförmiger Kleidung identitätslosen Volk entfacht eine derart gespenstische Atmosphäre zwischen Entertainment und Tod, dass der gesamte Raum inklusive Zuschauerrängen ein Teil davon wird. Besser lässt sich ein Drama nicht inszenieren, nur anders.

Film: „Grizzly Man“ von Werner Herzog (2005)

Werner Herzog montiert Material, das der selbsternannte Bärenschützer Timothy Treadwell in einem amerikanischen Nationalpark über mehrere Jahre hinweg mit einer kleinen Kamera gedreht hat, bis er und seine Freundin ein Opfer der Grizzly-Bären wurden. Daneben sind Interviews mit Weggefährten Treadwells zu sehen. Die Tragödie menschlicher Existenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit so intensiv gebündelt, dass einem angst und bange werden kann. Die Dämonen der Seele Treadwells verbinden sich mit intensiven Naturbildern, die eine unerklärliche Kraft ausstrahlen. Herzogs Montage spricht unterbewusste Ängste an, die mit der eigenen Vergänglichkeit sowie der Bedrohung angesichts einer rauen Natur verknüpft sind.

Veranstaltung: Peter Fonda als Gast bei der Retrospektive „New Hollwood 1967–1976. Trouble in Wonderland“ Berlinale (2004)

Peter Fonda ist eine coole Sau. Als Gast der Retrospektive präsentiert er sich selbst als Mythos des lässigen Rebellen, der das Regiment übernimmt, sobald er einen Saal betritt. Ob er nun unter Drogeneinfluss stand oder nicht, ist natürlich unklar, aber allein die Tatsache, dass es so wirkte, hat einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung des Auftritts. Mensch, Leinwandpersona und Showauftritt verschmelzen zu einer Performance, die gleichzeitig Hollywood und seine Selbstdarstellungsmechanismen sowie eine vergangene Ära der Traumfabrik und ihren Appell an Zuschauersehnsüchte reflektiert und einen Blick auf mögliche Schattenseiten offenbart. „Theater“ am Limit der Darstellungsintensität.

Konzert: Kraftwerk im Palladium. Köln. 27.03.2004. Erste Vorstellung

Die audiovisuelle Verbindung aus kristallklaren Kompositionen und perfekt zusammengeschnittenen Videoszenerien verleiht dem Konzertbegriff eine ganz neue Dimension, die im Gegensatz zur landläufigen Meinung keineswegs emotionslos ist.

„Ein Herz für Busfahrer“. Das offizielle Busfahrer-Sammelalbum der Verkehrsbetriebe Hamburg Holstein-AG (VHH)

Zugegeben eine mehr als seltsame Wahl, aber das was die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein hier geleistet haben ist schlicht bemerkenswert. Das klassische Kulturgut des Sammelalbums – Panini-Alben zu Fußballereignissen haben Generationen begeistert – wird neu erfunden, indem Alltagsmenschen und -gegenstände zu „Helden“ beziehungsweise „Besonderheiten“ erklärt werden. Die Sammelbilder zeigen einzelne Busfahrer- und fahrerinnen sowie verschiedene Gefährte und Gebäude der Verkehrsbetriebe. Das Album huldigt einer auf ein unterstützendes Miteinander aufgebauten Gesellschaftsform, in der auch das scheinbar Selbstverständliche bemerkenswert ist.

 

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Christian Gertz

Red Hot Chili Peppers, Color-Line-Arena Hamburg (2003)

Nach dem Sensationsalbum „Californication” (1999) war es ruhig geworden um die Funk-Rock Band aus Kalifornien. Die zu Beginn des neuen Jahrtausends auf vier Mitglieder geschrumpften Red Hot Chili Peppers konnten lediglich durch zahlreiche Alkohol- und Drogenexzesse oder publicityträchtige Liebeleien (Anthony Kiedis und Heidi Klum) auf sich aufmerksam machen.

Drei Jahre hat es gedauert, bis Sänger Anthony Kiedis, Bassist Flea Balzary und Leadgittarist John Frusciante ihre Drogenabhängigkeit hinter sich lassen konnten und nach eigenen Aussagen alle – mit Ausnahme des neuen Schlagzeugers Chad - zu Vegetariern wurden sowie Alkohol und Nikotin entsagten.

Nach zahlreichen kleineren Auftritten wurde 2002 das Album „By the Way“ aufgenommen, das sich sehr gut verkaufte. Jetzt wollte es die Band noch einmal wissen. Auf der anschließenden Welttournee machten die grundüberholten Kalifornier auch in Hamburg in der neuen Color-Line-Arena Station. Vor dem Auftritt durfte ich die Musiker für eine überregionale Wirtschaftszeitung interviewen und dann ihr übliches Hitprogramm in der neuen, ausverkauften Veranstaltungshalle bewundern. Anschließend verwandelten die Musiker die High-Tech-Halle in einen Privatclub und improvisierten eine einstündige Krautrocksymphonie - unterstützt von Michael Rother von der Krautrock-Legende „Neu“. Wenig später schrieb ein Kritiker: „Selbst wenn sie nur normales Programm bieten und der Sänger unter schwerer Grippe leidet, wissen sie zu gefallen. Uns lief der Schweiß über die Gänsehaut.“ Dieses Konzert ist und bleibt eines der besten Live-Konzerte meines Lebens.

MoMA, Berlin (2004)

Ein Museum reist über den Teich. Wegen Umbauarbeiten in den eigenen Hallen gastierte eine der berühmtesten Sammlungen der Welt für knapp sieben Monate exklusiv in Berlin. Zwischen Februar und September 2004 wurden 200 der bedeutendsten Meisterwerke des 20. Jahrhunderts aus dem Museum of Modern Art, New York, in der Neuen Nationalgalerie am Kulturforum gezeigt. Ikonen der Kunst des letzten Jahrhunderts wie „Der Tanz“ von Matisse, Roy Lichtensteins „Ertrinkendes Mädchen“ oder van Goghs „Sternennacht“ wurden erstmals in dieser geschlossenen Form außerhalb Amerikas gezeigt.

Die Ausstellung erreichte bereits nach nur 120 Tagen die für die gesamte Ausstellungsdauer erwarteten 700 000 Besucher. Doch einen ganzen Tag musste jeder Besucher dafür schon einplanen, allein die Wartezeit vor dem Eingang betrug auch an Werktagen bis zu drei Stunden.

„Maria Stuart“, Wolfgang-Borchert Theater Münster (2009)

Das Wolfgang Borchert Theater ist eines der ältesten privaten Theater in Deutschland. 1959 gegründet, konnte das Profil des Theaters mit seinem festen Ensemble zur Spielzeit 2006/2007 durch den Intendantenwechsel (Regisseur und Schauspieler Meinhard Zanger aus Köln) hin zu einer literarisch orientierten Kammerspiel-Bühne geschärft werden.

Natürlich durfte im Schillerjahr 2009 ein Stück des deutschen „National“-Dichters nicht fehlen. Intendant Zanger entschied sich für eines der brillantesten und spannendsten Stücke Friedrich Schillers: „Maria Stuart“. Zanger, der auch die Regie übernahm, akzentuierte in seiner auf sieben Rollen reduzierten Fassung die politischen und juristischen, die öffentlichen und privaten Aspekte des Trauerspiels und trotzt Schillers Gender-Diskurs eine neue Lesart ab. Auf einer drehbaren Bühne fand Zanger in seiner Inszenierung zahlreiche Verweise auf aktuelle politische Ereignisse (Guantanamo) und trieb seine beiden Hauptdarstellerinnen Nora Düding (Maria Stuart) und Stefanie Mühle (Elizabeth I.) zu beeindruckenden Höchstleistungen an.

„Oldboy“ von Park Chan-wook, Südkorea (2003)

Nachdem Regisseur Park Chan-wook dem koreanischen Kino im Jahr 2000 mit seinem Meisterwerk „Joint Security Area“, kurz „JSA“, über Nacht zu Weltruhm verhalf und durch den Erfolg an den Kinokassen rund um den Globus im Alter von nur 37 Jahren seine Rente bereits zusammen hatte, war das nur der Grundstein für eine bis heute beeindruckende Karriere.

Kaum einer der cinephilen Besucher auf einem der vielen, immer populärer werdenden koreanischen Filmfestivals hätte geahnt, dass es nach „JSA“ im Genre des Action-Dramas noch besser ginge. Doch nur drei Jahre später kam dieser Film über einen 15 Jahre in einem Zimmer inhaftierten Kleinkriminellen: „Oldboy“. Die Verfilmung dieser verzwickten Geschichte, die lose auf einem gleichnamigen japanischen Comic basiert, war mit Sicherheit einer der außergewöhnlichsten und extremsten Filme des Kinojahres 2003. Der mittlere Teil von Parks weltweit gefeierter Rache-Trilogie - nach „Sympathy for Mr. Vengeance“ (2002) und vor „Sympathy for Lady Vengeance“ (2005) - besticht vor allem durch starke Kampfszenen, exzellente Schauspielleistungen, eine famose Kameraführung und eine Erzählstruktur, deren Clou es mit vielen Filmen aus Hollywood nicht nur aufnehmen kann, sondern diese sogar wie erste Entwürfe talentierter Filmhochschulabsolventen aussehen lässt. Auch nach mehrmaligem Anschauen verursacht dieser Film bei mir immer wieder Gänsehaut.

 

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Sandra Kornmeier

Theaterfestival „Fadjir“ in Teheran (2007)

Es fällt schwer, hier eine einzelne Inszenierung hervorzuheben, denn das ganze Festival mit iranischen und arabischen Gruppen hat bei mir einen prägenden Eindruck hinterlassen. So sehr, dass ich seitdem neben Theaterwissenschaft auch Orientalistik studiere. Man findet im persischen und arabischen Theater eine andere Ästhetik und einen anderen Umgang mit politischen und gesellschaftlichen Themen. Unter unfreien Bedingungen entsteht dennoch große und engagierte Kunst: Da hat man das Gefühl, Theater kann noch etwas verändern.

Konzert und CD: Die Grine Kuzine - „Berlin Wedding“

Diese Musik habe ich bei einem Konzert in Schweinfurt für mich entdeckt: eine unglaublich gute, tanzbare Balkan-Berlin-Mischung., die einfach gute Laune bereitet, ohne dabei textlich oberflächlich zu sein. Der Besuch bei dem Konzert war spontan, im Vorbeigehen und hat eimal mehr bewiesen: Man muss nur schauen, dann sieht man auch.

 

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Désirée Langenbrink

Theaterstück: „Der Kick“ von Andres Veiel und Gesine Schmidt (gesehene Inszenierung von Katja Lillih Leinenweber in der Casa des Schauspiels Essen).

In ihrem 2005 in Berlin uraufgeführten Stück greifen Veiel und Schmidt den Mord an Marinus Schöberl am 13. Juli 2002 in Potzlow auf. Sie führten Interviews mit Dorfbewohnern, mit den Eltern von Opfer und Tätern und mit den Mördern im Gefängnis, mit dem Richter, dem Gutachter, den Staatsanwälten und Verteidigern. Daraus entstand in diesem Musterbeispiel des Dokumentartheaters ein Mosaik möglicher Ursachen und Erklärungen. Aber nicht nur als Vertreter einer zunehmend bedeutsamen Theaterform ist „Der Kick“ denkwürdig. Das Stück ist vor allem eine bewegende Arbeit, die auch bei der gelungenen Umsetzung in Essen nachhaltig beeindruckte.

Beatplantation – das mini Festival (vor allem im Druckluft Oberhausen)

http://www.myspace.com/beatplantation

Das Organisationsteam der Beatplantation hat es geschafft, Kunst einen Raum zu geben, den sie bisher in dieser Form im Ruhrgebiet nicht hatte. Musik, Installation, Performance und mehr werden meiner Meinung nach interessant zugänglich gemacht. Jede Veranstaltung hat ihren eigenen Charakter. Schwer, darüber zu schreiben: Hingehen ist besser.

 

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Mareike Möller

Film: Dancer in the Dark, Regie: Lars von Trier ( 2000)

Ich mag die Musik von Björk nicht und Musicals finde ich grausam. Von Lars von Trier hatte ich zwar schon einmal gehört, aber noch nie etwas von ihm gesehen. Keine Ahnung also, warum ich mir an einem dunklen Winterabend gerade „Dancer in the Dark“ ausgesucht habe. Aber so war es. Nach ungefähr fünfzehnminütiger Eingewöhnungsphase bezüglich Wackelkamera und so weiter war ich plötzlich gefangen. Dieser Film hat so eine erdrückende Intensität, die Ungerechtigkeit so ein hohes Ausmaß, dass ich noch eine halbe Stunde nach dem Ende nicht mit dem Weinen aufhören konnte. Der Film hat mich zutiefst erschüttert. Und auch, wenn ich die DVD schon lange in meiner Sammlung stehen habe und er zu den Top 10 meiner Lieblingsfilme zählt, habe ich mich bisher nicht ein zweites Mal getraut, ihn anzuschauen.

Live & Unplugged: Die drei Fragezeichen, Master of Chess (2002)

Meine absolute Lieblings-Hörspielserie ist und bleibt „Die drei Fragezeichen“. Als Kind habe ich natürlich eine Kassette zum Einschlafen gehört, als Teenager war es mir peinlich und seit der Jahrtausendwende finde ich es cool, dass ich nicht die Einzige bin, die immer noch jeden Abend ein Hörspiel zum Einschlafen hört. Natürlich war es für mich ein absolutes Highlight als es 2002 hieß, die Sprecher gehen mit einer neuen Folge auf eine Live-Tournee. Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich auf der Bühne zu erleben, wie sie in die Rollen von Justus, Peter und Bob schlüpfen - ein Traum. Im Zusammenhang mit dieser Tour gab es außerdem ein Casting, bei dem man eine kleine Rolle in einer „Drei Fragezeichen“-Folge gewinnen konnte. Ich kam zwar ins Finale, wurde jedoch dann nicht genommen. Aber dafür durfte ich die Sprecher, besonders Oliver Rohrbeck, kennenlernen, was für mich der eigentliche Hauptgewinn war. Durch die Erlebnisse rund um die „Master of Chess“-Tour, wurde meine Leidenschaft für die Kunstform Hörspiel wiedererweckt und lodert in mir intensiver denn je. Heute habe ich das Privileg, nicht nur in Hörspielen mitzusprechen, sondern mich darüber hinaus auch wissenschaftlich mit den Grenzgängen zwischen Hörspiel und Theater auseinandersetzen zu dürfen.

Roman: Flug 2039 von Chuck Palahniuk, deutsche Übersetzung: 2003 (Original: Survior, 1999)

Dieser Autor mag nicht allen bekannt sein. Aber wer erfährt, dass der Kultfilm „Fight Club“ nach einer gleichnamigen Romanvorlage von Chuck Palahniuk entstand, für den stellt sich ein Aha-Effekt ein. „Flug 2039“ (im Original: „Survior“) ist sein dritter Roman und war für mich das Buch, mit dem ich endgültig zum Fan wurde. Seitdem erwarte ich jede seiner Veröffentlichungen sehnsüchtig, um sie mit Freude zu verschlingen. Die Geschichten und ihre Charaktere mögen absurd und überzogen sein, aber die so verzerrte Perspektive geht mit einem klaren Blick auf das Individuum und die Gesellschaft einher, die in Palahniuks Augen jeden einzelnen ausnutzt und zum Sklaven des Systems macht. Hier verbinden sich für mich beste Unterhaltung und anregende Denkanstöße.

Hörspielserie: Lady Bedfort, Hörplanet (Start: März 2007)

Seit meiner Kindheit bin ich ein Hörspielfan, habe statt Musik lieber Kassetten gelauscht. Als Kassettenkind der 80er war ich lange Zeit gefangen im Kosmos von Drei Fragezeichen, Bibi Blocksberg und Co. Zur Jahrtausendwende wehte plötzlich ein frischer Wind in der Hörspielszene und die sogenannten Erwachsenenhörspiele eroberten den Markt. Kleine Labels sprossen wie Pilze aus dem Boden, unter ihnen Hörplanet, das zunächst wenig Anerkennung fand. Mit der Serie „Lady Bedfort“, die stark an die Miss-Marple-Romane von Agatha Christie erinnert, hat sich das Label mittlerweile aber einen festen Platz auf dem Markt sichern können. Für mich ist diese Serie so besonders, weil sie bei mir nach langer Zeit einen Wiederhöreffekt ausgelöst hat: Während bei vielen der heutigen Hörspiele der Fokus auf die Klanglandschaften gelegt wird - sie sollen cineastisch wirken, Kopfkino beim Hörer auslösen -, besticht „Lady Bedfort“ ganz klassisch durch das Zusammenspiel der drei Hauptsprecher. Witzige Dialoge und kurzweilig-spannende Geschichten machen das Hörvergnügen aus. Es ist die scheinbare Einfachheit und die Liebe der Sprecher zu ihren Charakteren, die diese Serie für mich aus der Fülle der Hörspiele herausragen lässt. Umso trauriger ist es, dass die Sprecherin der Lady Bedfort, Barbara Ratthey, 2009 verstorben ist.

Theater: Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir, Regie: Christoph Schlingensief, RuhrTriennale (2008)

Anfang Januar 2008 erfährt Christoph Schlingensief, dass er Lungenkrebs hat. Ein einschneidendes Erlebnis, das sein Leben verändert. Acht Monate später inszeniert er für die RuhrTriennale „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. Eine Inszenierung, die wiederum mein Leben nachhaltig verändert hat. Der Abend basiert auf einem Audiotagebuch, das Schlingensief während seines Krankenhausaufenthalts geführt hat und das von seiner Angst vor der Krankheit erzählt. Keine Inszenierung zuvor vermochte es, mich so intensiv zu bewegen, kein Theaterabend lockte mir jemals so viele Tränen hervor. Die hohe Emotionalität ist nicht die einzige Besonderheit dieses Abends, denn „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ ist auch ein Gesamtkunstwerk, in dem Theater, Oper, Hörspiel, Film und Aktionskunst nahezu perfekt miteinander verknüpft werden. Es ist wie eine Collage aus Schlingensiefs Werken und seinem Leben. Wenn ich heute daran zurück denke, fängt mein Herz immer noch an zu pochen und ich spüre die gewaltige Kraft, die diesem Theaterabend innewohnte.

 

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David Porrmann

„Die Walküre“ von Richard Wagner in einer Inszenierung der katalanischen Theatergruppe „La Fura dels Baus“ (2007)

Eine wunderbare, phantasievolle Aufführung, die Wagners Musik durch sphärische Bühnenbilder und grandiose Sänger richtig zur Entfaltung kommen lässt. Gleichzeitig verleugnet „La Fura dels Baus“ die eigenen Wurzeln aber nicht - Elemente des Straßentheaters fließen immer wieder mit ein und generieren eine für mich neuartige Form der Wagner-Interpretation, die entstaubt und erfrischend daherkommt.
Für mich persönlich war diese Aufführung ein Erlebnis, das mein Interesse für Wagner geweckt hat, obwohl ich eher Opern aus der Zeit des Belcanto bevorzuge und nie Wagner-Fan war.

„Die Möglichkeit einer Insel“ von Michel Houellebecq (2005)

Ein fesselnder Roman, den ich kaum aus der Hand legen wollte und der von den primitivsten Trieben bis hin zu den höchsten geistigen Errungenschaften der Menschheit alles vereint. Sex, Science-Fiction, Utopie und Sektenwahn - der traurig-zynische Clown durchlebt in dem zum Teil autobiographischen Werk eine marode und sich im Zusammenbruch befindliche Gegenwart. Zeitgleich begründet er eine neue Zukunft mit, die in sich aber ebenfalls schon den Keim des Scheiterns trägt.
Es ist die Suche nach der Lücke, dem Ausweg aus dem System, die hier so faszinierend verarbeitet werden.

„Donnie Darko“ von Richard Kelly (2001)

Ein Film, den ich mittlerweile unzählige Male gesehen, aber immer noch nicht vollständig verstanden habe. Und gerade deshalb reizt es mich immer noch, in "Die Philosophie des Zeitreisens" einzutauchen, wie das Werk betitelt ist, um das es sich im Film in erster Linie dreht. „Donnie Darko“ ist nicht nur zugleich Teenager-Psychogramm und High-School-Satire, sondern Kelly schafft es auch, die Quantenmechanik, das Raum-Zeit-Kontinuum der Relativitätstheorie und die Möglichkeit von Paralleluniversen miteinzubeziehen, ohne den Faden zu verlieren.

„The Ballad of Backbone Joe“ von „The Suitcase Royale“ (2009)

Das Fringe-Theatertrio „The Suitcase Royale“ erzählt die Geschichte eines Mordes, in den ein schizophrener Fleischer, ein karrieregeiler Journalist und ein größenwahnsinniger Arzt verwickelt sind. Untermalt von der rauchigen Bluesstimme Backbone Joes stellt die Gruppe auch ihre musikalischen Fähigkeiten unter Beweis, das eingesetzte Instrumente reichen von Kontrabass, Schlagzeug und Gitarre bis hin zu Banjo und Akkordeon. Die drei Australier machen aus wenig viel - ein paar Bretter, Laken und ein Koffer genügen, um ein atemberaubendes Spiel zu veranstalten, das viel zu schnell endet.

„My Life in the Knife Trade“ von „BoySetsFire“ (2000)

Dieses Lied hat „BoySetsFire“ zu meiner absoluten Lieblingsband werden lassen, weil es so herrlich melancholisch ist, aber dennoch die Möglichkeit offen lässt, seinen Frust abzubauen, um wieder mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Ich kann absolut nicht sagen, wie oft ich den Song schon gehört habe, aber hier tritt definitiv nicht das Phänomen auf, dass man das Lied irgendwann nicht mehr hören kann - eher im Gegenteil. „My Life in the Knife Trade“ ist und bleibt eine der melodischsten und gefühlvollsten Balladen, die ich kenne.

 

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Andreas Staben

„München“ - ein Film von Steven Spielberg (2005)

Die Filme von Steven Spielberg haben in mir schon immer ganz besondere Resonanzen ausgelöst: Kaum etwas bringt mein Herz so zum Klopfen wie die letzte halbe Stunde von „E.T.“. Diesen Lieblingsfilm aus meiner Jugendzeit durfte ich in der vergangenen Dekade als „20th Anniversary Edition“ neu entdecken – und wieder war es ein fast unerträglich intensives und intimes Kinoerlebnis. Noch nachhaltiger klingt bei der Rückschau aber Spielbergs Schaffen in der Folge des 11.September 2001 nach. Kaum ein Ereignis hat die Welt und ihre Wahrnehmung im letzten Jahrzehnt so geprägt – und kaum ein Künstler hat die Spannungen der Zeit so feinfühlig und klar verarbeitet wie Spielberg.

Seine besondere Kunst besteht darin, dass er die menschliche Dimension seiner Dramen stets im Auge hat. Die ganze Widersprüchlichkeit und Traurigkeit einer vom Terror traumatisierten Welt zeigt sich in dem Bild des sich in einer Glastür spiegelnden Tom Hanks, der in „Terminal“ in einem Flughafen gefangen ist und weder ins Land hinein noch hinaus gelassen wird. Sie liegt genauso in der Einstellung von einem Fluss voller Leichen in „Krieg der Welten“ und sie kulminiert im Schlussbild von „München“, bei dem der Kameraschwenk über die Silhouette von New York den Blick auf die Türme des World Trade Centers freigibt. Im Minenfeld scheinbar unversöhnlicher Konflikte kennt Spielberg nur eine Partei: den Menschen.

„The Wire“ - eine Fernsehserie von David Simon

Einige der Kollegen hier haben Bücher und Hörbücher in ihre Erwähnungen eingeschlossen, mehr als jeder Roman hat mich hingegen eine Fernsehserie beeindruckt: Der zeitgemäße Erbe von Balzac, Dickens und Dostojewskij heißt David Simon. Die 60 einstündigen Folgen der insgesamt fünf Staffeln fügen sich in weitem Bogen zum Porträt einer Stadt (Baltimore), eines Gemeinwesens am Rande der Auflösung. Polizisten, Drogenhändler, Politiker und Journalisten; Täter, Opfer, Zeugen, Schuldige und Unschuldige: „The Wire“ ist zugleich eine überaus genaue Milieustudie und ein modernes Epos. Wie einen guten Roman entdeckt man Simons Opus am besten in seinem eigenen Rhythmus und gibt sich dem Sog dieser unglaublich dicht erzählten Saga hin. Und so ist „The Wire“ perfekt für das Medium der DVD geeignet, meinem persönlichen Medium des Jahrzehnts.

„Mahler meets Ives“ - Konzertzyklus der Bochumer Symphoniker in der Philharmonie Essen (2005-2009)

Die klassische Musik, ihr Repertoire und ihre Rituale gelten vielen als rückwärtsgewandt, erstarrt und damit auch als wenig relevant für unsere Gegenwart. Doch wer bei den zwölf Konzerten dabei war, die die Bochumer Symphoniker unter ihrem Generalmusikdirektor Steven Sloane zwischen Juni 2005 und Oktober 2009 der Begegnung zweier Titanen der musikalischen Moderne widmeten, hat erleben können, welche Wirkungsmacht sie im Idealfall gerade heute zu entfalten vermag. Ästhetischer Genuss und transzendentale Erfahrung, Utopie und Hoffnungsspender - diese Interpretationen haben mich mehr als einmal in meinem tiefsten Innern berührt und es ging nicht nur mir so: Als zum Abschluss des Zyklus` Mahlers Vertonung von Goethes berühmtem Chorus Mysticus verklang, nahm der Applaus nahezu zwanzig Minuten lang kein Ende.

Gustav Mahlers Schwellenmusik in ihrer ganzen Zerrissenheit, ihrer prekären Schönheit und ihrer Dringlichkeit hat in Steven Sloane einen außergewöhnlichen Anwalt von internationalem Rang, der gedankliche Durchdringung und persönliche Identifikation aufs Glücklichste vereint. Dieser Dirigent ist wahrlich ein Kommunikationskünstler: Die Emotionen scheinen wundersam von ihm auf sein Orchester überzuspringen und sich von dort direkt ins Publikum zu übertragen. Die Offenheit, die Lust und die Entdeckungsfreude mit denen die Musiker auch die oft durchaus sperrigen Werke des eigenwilligen Amerikaners Charles Ives darbrachten und in Beziehung zu Mahler setzten (oft ging Sloane ohne Pause von einem Werk des einen zu einem Stück des anderen über: mit teilweise verblüffender Wirkung), machten aus vielen dieser Abende nicht nur bewegende und anregungsreiche, sondern auch überaus originelle Konzerte, die in der prächtigen Akustik der Philharmonie Essen einen angemessenen Rahmen fanden.

 

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Eva Jasmin Thiessen

Michael Kleeberg: Karlmann (Roman)

Als „Proust-Joyce-Musil-Thomas-Mann-Projekt des Jahres 2007“ begrüßte Ursula März Michael Kleebergs Roman „Karlmann“. Das fast fünhundertseitige Epos ist in nur fünf Episoden aufgeteilt – von der Hochzeit von Charly und Christine im Juli 1985 bis zur Auflösung eben dieser Ehe und der DDR im September 1989 – doch diese eher kurzen Abschnitte sind exemplarisch: Fünf Schlaglichter auf die Hamburger Gesellschaft der achziger Jahre und auf Charlys persönliches Scheitern. Denn dieser schafft es weder der Verlockung sexueller Abenteuer mit einer Jugendfreundin zu widerstehen und sich ganz auf die Beziehung zu Christine einzulassen, noch findet er den Mut seinem Vater entgegenzutreten und den verhassten Vorsteher-Posten in einem Autohaus aufzugeben.

Es ist die Banalität des immer gleichen Alltags (etwa im erwähnten Opel-Autohaus), die Kleeberg in den Fokus rückt; messerscharfe Analysen erlauben dem Leser, das Altbekannte aus einem neuen, interessanteren Blickwinkel zu betrachten. Die Essenz dessen, was Familie und Gesellschaft, Geschäft und Politik ausmacht, scheint mit Hilfe eines weiten Spektrums an literarischen Färbungen und stilistischen Nuancierungen greifbar zu werden: Kleemanns Erzählung reicht von kühler Beschreibung bis zu intensiver Identifikation, einzelne Situationen werden satirisch verzerrt oder humoristisch pointiert, andere werden dem Leser voller Empfindsamkeit näher gebracht.

Rainer Maria Rilke: Die Sonette an Orpheus, gesprochen von Alexander Khuon

Eindringlich, poetisch, leidenschaftlich: Rainer Maria Rilkes 55 Gedichte, angelehnt an den Mythos um Orpheus und Euridyke, haben bis heute nichts an Wirkung verloren. 2006 entfaltete Sprecher Alexander Khuon Rilkes lyrische Virtuosität auf CD neu. Und auch wenn sich die Reflexionen des menschlichen Daseins sowie der Aufgabe der Kunst für den „unerfahrenen Rilke-Hörer“ nicht vollständig erschließen mögen – ein klangästhetisches Erlebnis ist diese Interpretation auf jeden Fall.

 

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Sascha Westphal

Die 00er Jahre – (5) Funken von Freiheit

Dietmar Dath: Für immer in Honig. Roman (2005)

„Wann werden wir frei sein?“ Diese Frage fällt erstmals gleich zu Beginn des ersten Kapitels und zieht sich dann leitmotivisch durch den ganzen monumentalen Roman. Sie stellt sich immer wieder von neuem, und die Antwort ist jedes Mal wieder ernüchternd: Im politischen und gesellschaftlichen Sinne vielleicht wirklich niemals. Aber es ist trotzdem das eine große Ziel, auf das Dietmar Dath in jedem seiner Werke hinarbeitet. Und nie war er selbst bisher freier als in diesem unbändigen Monstrum von Roman, diesem epochalen Angriff auf unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wann werden wir frei sein? Wenn die Nacht, die Dämmerung und der Tag der Toten, der realen wie auch der metaphorischen, endlich vorüber sind.

Leonce und Lena – nach Georg Büchner. Eine Inszenierung von Dimiter Gotscheff am Thalia Theater Hamburg (Spielzeit 2008/09)

Aus „Wann werden wir frei sein?“ wird ganz konkret „Wann werden wir uns befreien?“ – auch aus den Schlafsäcken, mit denen Kathrin Brack die Bühne bedeckt hat. Das geduldig herumliegende Volk und die Herrscher, die ungeniert auf ihm herumspazieren – das ist ein unmissverständliches Bild. Den feinsinnigen Kritikern war es natürlich viel zu deutlich, dem Hamburger Publikum aber wohl noch nicht drastisch genug. Aber selbst das muss Dimiter Gotscheff schon im Vorfeld klar gewesen sein. Sein Agitprop-Theater ist eben auch ein Theater über dessen Unmöglichkeit. Büchners absurde Komödie gerinnt zu einem Totentanz aller Ideale und Utopien: Es ist schon schlimm, aber es wird alles noch immer schlimmer ... wann werden wir uns befreien?

Hedda Gabbler – von Henrik Ibsen. Eine Inszenierung von Thomas Ostermeier an der schaubühne am lehniner platz (Spielzeit 2005/06)

Am Ende ein Schuss, und Jan Pappelbaums grandiose Schöner-wohnen-Bühne, dieser (Alp-)Traum aus Glas, Stahl und Beton dreht sich und dreht sich. Hedda hat es hinter sich, für die anderen geht es einfach nur weiter, ohne Verstehen, ohne Gefühle, ohne Sinn. Deutschland Mitte der 00er Jahre – niemand hat die sich als Luxus maskierende Leere klarer durchschaut als Thomas Ostermeier. Ibsen, ein Zeitgenosse, moderner, hellsichtiger und auch brutaler als alle Gegenwartsdramatiker. Und wer vergessen hat, wie groß, wie tragisch und wie genau diese Inszenierung ist, sollte sich Maren Ades „Alle anderen“ ansehen, diesen zutiefst spießigen Versuch eines Films aus dem Geist von Ostermeiers Theater.

Land of Plenty, Wim Wenders (2004)

Ein kaputter, zutiefst verbitterter Vietnam-Veteran, der seinen eigenen war on terror führt, und seine 21-jährige Nichte im land of plenty, das längst zu einem Land der Armut und der Angst, zu einer Nation der Paranoia und der Wut, geworden ist. Von der Skid Row in Los Angeles nach Manhattan, zum Ground Zero, geht eine Bewegung, die Frieden, zumindest aber eine Linderung der Schmerzen und der Trauer, verspricht. Am Ende, wenn Wenders` ungleiches Paar dann am Ort der Katastrophe steht, habe ich tatsächlich die Stimmen im Wind gehört, die Stimmen der Opfer, die Trost zusprechen und für einen Neuanfang bitten.

Saint François d’Assise – von Olivier Messiaen. Eine Produktion der Ruhrtriennale (2003)

Auch eine Antwort auf die eine alles entscheidende Frage – die letzten Takte von Messiaens Scènes franciscaines, beinahe sechs Stunden nachdem die ersten in der da noch von Sonnenlicht durchfluteten Jahrhunderthalle Bochum erklungen sind. Eine Reise eines Lebens als Reise in den Abend und die Nacht, aber eben auch ins Licht. Freiheit ist bei Messiaen natürlich vor allem die Freiheit im Tod, die Freiheit bei Gott. Aber im Erleben dieses einzigartigen Werks offenbart sich eine andere, eine nicht rein eschatologische Freiheit. Es ist die Freiheit, die aus Kunst erwachsen kann, eine flüchtige, aber lange nachwirkende Ahnung von etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt.
 

 

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