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Das Schlagerrevival hält ungebrochen an. Nachdem schrill gekleidete Unikate wie Guildo Horn und Dieter Thomas Kuhn vor rund zehn Jahren erste bundesweite Erfolge mit den deutschen Hits ihrer Kindheit feierten und damit neuen Generationen nahe brachten, hat der Schlager mittlerweile auch Einzug auf die Theaterbühnen gehalten. In Oberhausen sind derzeit gleich zwei Produktionen zu sehen, die diesem Phänomen zu huldigen versuchen. Im Theater an der Niebuhrg feiern in „Schlager lügen nicht“ von Thomas Schiffmann die 1970er Jahre ihre Wiederauferstehung, nicht nur mit Hilfe der bekanntesten Musiknummern, sondern auch in Ausstattung und Kostümen.
Der Ansatz von Rainer Holzapfel am Stadttheater in Oberhausen ist ein etwas anderer. Auch in „Ein Zug wird kommen“ sind unter den 30 Titeln, die das sechsköpfige Gesangsensemble mit der fünfköpfigen Band zu Gehör bringt, einige unvermeidliche Schlagerevergreens wie „Er gehört zu mir“ von Marianne Rosenberg, „Ich will keine Schokolade“ von Trude Herr oder „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ von Christian Anders. Doch damit erschöpft sich auch schon fast wieder das Potpourri der immer wieder durchgenudelten Schlagernummern. Denn die meisten anderen Stücke sind zwar ebenfalls bekannt, aber längst nicht auf die gleiche Weise zu Tode gespielt worden wie „Im Wagen vor mir“, „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ oder „Ein Bett im Kornfeld“, die man hier nicht finden wird. Die Auswahl der Musiktitel folgt stattdessen einem ausgeklügelten dramaturgischen Konzept: Die Handlung soll ausschließlich über die Liedtexte transportiert werden.
Angesiedelt ist die Story in der Fußgängerunterführung des Oberhausener Hauptbahnhofes, den Alfons Flores in seinem Bühnenbild überzeugend nachgestellt hat. Er nutzt die Weite der Bühne, die an ihrem Ende mit einer Leinwand, auf die eine Aufnahme des echten Bahnhofsdurchgangs projiziert wird, noch zusätzlich Tiefe erhält. In der linken Ecke der Bühne hat die fünfköpfige Band in hellblauen Uniformen Platz genommen. Um sie herum wuseln die sechs Protagonisten zwischen Fahrplanaushängen und Ticketautomaten hin und her. Verreisen wollen sie allesamt, doch die Deutsche Bahn macht diesem Vorhaben immer wieder einen Strich durch die Rechnung.
In den einzigen nicht gesungenen Textpassagen hören wir über Lautsprecher zwischen den Liedern wohlbekannte Bahnhofsdurchsagen, die von Verspätungen und Zugausfällen berichten, auf das Rauchverbot hinweisen oder überteuerte Sonderleistungen aus den Bordrestaurants anpreisen. Da kann man schon mal die Geduld verlieren. Oder man stimmt einfach wie Torsten Bauer den alten Gerhard-Wendland-Schlager „Lach doch, wenn’s zum Weinen nicht ganz reicht“ an. Herrlich, wie der Schauspieler hier den Schmalz des Originalinterpreten trifft und mit einem ganz eigenen Schalk garniert. Er ist einer der sechs Wartenden, zu denen auch noch Nora Buzalka gehört, die als alternatives Girlie einer vergangenen Liebe entfliehen möchte. Oder Martin Müller-Reisinger, der mit Glitzerhemd und überdimensionaler Sonnenbrille optisch an den typischen 1970er-Jahre-Schlagerstar erinnert und auch einen Möchtegern-Star mimen darf. Besonders überzeugend sind dessen Interpretationen der gefühlvollen Peter-Cornelius-Nummern „Streicheleinheiten“ und „Du, entschuldige, i kenn di“. Gewohnt sauertöpfisch und bieder darf Anna Polke in Erscheinung treten, wenn sie den Reinhard-Mey-Song „Es ist immer zu spät“ singt oder sich im Wartebereich das eigene Wohnzimmer einrichtet, weil es mal wieder etwas länger dauert, als erwartet.
Der durchgängigste Handlungsstrang entspinnt sich zwischen Anja Schweitzer und Florian Steiner, die Mutter und Sohn spielen. Mit dem Trude-Herr-Klassiker „Ich will keine Schokolade (ich will lieber einen Mann)“ outet sich der junge Mann als homosexuell, was der Mutter zunehmend Kopfzerbrechen bereitet. „Etwas ist geschehen mit dir“ heißt der Gitte-Hænning-Song, mit dem Anja Schweitzer dann Bezug nimmt auf dieses Geständnis. Später wird er sich in einen DB-Mitarbeiter (Pascal Nöldner) verlieben („Er gehört zu mir“).
Das Konzept Rainer Holzapfels geht auf. Auch ohne gesprochene Passagen entfaltet sich bei „Ein Zug wird kommen“ eine durchgehende Handlung, die allein von Schlagertexten getragen wird. Dabei hat man diese bis auf wenige Ausnahmen noch nicht einmal textlich adaptiert. Lediglich bei Udo Jürgens’ Titel „Gefeuert“ aus dem Jahr 1977 hat man einen aktuellen Zeitbezug eingeflochten oder Udo Lindenbergs „Sonderzug“ mal ausnahmsweise nach Kaiserslautern und Wanne-Eickel umgeleitet.
Während einer der Schauspieler einen Schlager interpretiert, geschieht nebenher auch sonst immer allerhand auf der Bühne. Die anderen Ensemblemitglieder haben derweil Probleme mit dem Fahrkartenautomaten, kleben sich auf den Fliesen ihren eigenen Raucherbereich oder präparieren einige Käsebrote, um die Wartezeit zu überbrücken und später den entsprechenden Helge-Schneider-Nonsense-Song anzustimmen. Nach dreißig formidablen Musiknummern hat der Zuschauer einen kurzweiligen Abend mit größtenteils überzeugenden Gesangsleistungen erlebt, bei dem allerdings auf einer Institution zur Freude des wohl leidgeprüften Publikums gehörig herumgehackt wurde: der Deutschen Bahn.