Transit

Transit

Fahrt ins Nirgendwo

Anna Seghers` "Transit" in einer Bearbeitung von Reto Finger in der Casa


von David Porrmann

Verwüstet, wirr, unordentlich. Umgestürzte Tische und Stühle. Zahllose Koffer. Unmengen an Papieren. Tücher, die wie zerfetzte Segel von der Decke hängen. Wände, die mit konfusen Skizzen und Plänen vollgeschrieben sind. Der Zuschauer wird mitten in diese mit Strandgut beladene Szenerie gespült, in deren Zentrum der namenlose Erzähler an einem Tisch seiner Lieblingspizzeria sitzt und seine Geschichte beginnt.

Europa im Mai 1940: Die deutsche Wehrmacht eröffnet mit der Eroberung der Niederlande, Belgiens, Luxemburgs und Frankreichs den Westfeldzug, der innerhalb von nur zwei Monaten beendet ist. Frankreich wird mit in Kraft treten des Waffenstillstandsvertrages vom 25. Juni 1940 in zwei Hälften geteilt: Nordfrankreich und die an den Atlantik angrenzenden Küstenteile Südfrankreichs, bleiben unter deutscher Herrschaft, während das unbesetzte restliche Südfrankreich eine neue Regierung bildet – das Vichy-Regime. Für viele Verfolgte ist dies der letztmögliche westeuropäische Zufluchtsort, um von der Hafenstadt Marseille aus über das Mittelmeer zu entkommen und so der drohenden Deportation zu entgehen. Das Ziel ist irrelevant – Hauptsache weg aus Europa.

So ergeht es auch dem einnehmenden namenlosen Hauptdarsteller (Heiko Ruprecht), der aus einem französischen Internierungslager geflohen und über Paris nach Marseille gelangt ist. Anselm Weber verwendet in seiner letzten Essener Regiearbeit „Transit“ den gleichnamigen, und teilweise autobiographischen, Roman von Anna Seghers als Grundlage für eine intensive und packende Inszenierung. Er spürt den verzweifelten Ausreiseversuchen zahlloser Menschen nach und arbeitet den immensen Aufwand sowie die zahlreichen zu bewältigenden Widerstände deutlich heraus.

Den Auftakt in Webers Interpretation bildet das Ende des Romans: Es geht das Gerücht um, ein Flüchtlingsschiff – die „Montreal“ – sei untergegangen. Rückblickend beginnt der Protagonist. die Geschehnisse seit seiner Flucht aus dem Lager bis zu dem Aufenthalt in der Pizzeria zu schildern. Untermalt wird diese Aufarbeitung demonstrativ durch ein kontinuierliches Aufräumen und wieder neu Zusammensetzen der Bühne sowie Videoinstallationen (Bibi Abel und Danny Dupont). Reto Finger hat in seiner Bearbeitung die Anzahl der agierenden Charaktere auf zehn reduziert, die Weber auf sechs Schauspieler verteilt. Vier von ihnen spielen jeweils Doppelrollen, was leider zu einer anfänglichen Unübersichtlichkeit führt.

Es entspinnt sich ein Dialog mit den Toten, Zurückgelassenen und Vergessenen. Der Protagonist nimmt unter dem Namen Seidler eine falsche Identität an und verliebt sich in Marie (Nadja Robiné), die jedoch mit einem Arzt (Roland Riebeling) liiert ist, der nach Mexiko ausreisen will. Sie soll mitkommen, nur möchte sie vorher noch ihren Mann Weidel wiedertreffen. Der hat jedoch in Paris Selbstmord begangen. Seidler wollte in Marseille eigentlich nur Weidels Angelegenheiten regeln. Nur ist es dabei zu einem Missverständnis gekommen. Nun hält ihn der mexikanische Konsul für Weidel, wodurch ihm eine Ausreisegenehmigung praktisch in den Schoss fällt. Marie setzt er von alledem nicht in Kenntnis. Dafür gefällt sich Seidler in seiner neuen Rolle zu gut. Außerdem versucht er, für Marie als „seine“ Frau ebenfalls eine Genehmigung zu erlangen.

Immer wieder begegnet er weiteren Flüchtlingen (Roland Bayer, Katharina Linder), die die Hoffnung auf eine erfolgreiche Ausreise mittlerweile fast aufgegeben haben. Die Jagd nach zeitlich begrenzten Visa, Transitscheinen, Aufenthaltsgenehmigungen und Ausreisebewilligungen prägen den Alltag, wobei das eine immer genau dann abläuft, wenn man das andere endlich bekommen hat. Was bisher nach reinem Dokumentartheater klingt, bekommt so eine tiefere Dimension. Man muss nur das aktuelle Schicksal vieler politischer Flüchtlinge bedenken. Sie sind an den Toren der so genannten „Festung Europa“ ähnlichen Schikanen ausgesetzt und werden schließlich in einen ewigen Schwebezustand ohne Hoffnung auf Besserung zurückgeschickt.

Alle Figuren bekommen letztlich das notwendige Sammelsurium an Papieren und die Unmengen von Geld für die Überfahrt zusammen – Seidler jedoch bleibt im für ihn mittlerweile heimischen Marseille zurück. Der Kreis schließt sich, denn während er seine Pizza isst, fahren die anderen mitsamt der „Montreal“ schwermütig singend (wunderbar: Katharina Linder) in den Untergang. Das Bühnenbild wird zerstört und das Stück endet so, wie es begonnen hat: Verwüstet, wirr, unordentlich. Aber auch: Nachdenklich, melancholisch, berührend.

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