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Was hat der Einzelhandel mit der Musikindustrie gemeinsam? Worin bestehen Gemeinsamkeiten zwischen einem Drogeristen und einem Rockmusiker? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem Niedergang der Mittelschicht und der zwischenzeitlichen Krise der Rock-Titanen „Metallica“? Auf den ersten Blick: keinen.
Tom Kühnel und Jürgen Kuttner verknüpfen Egon Monks Erzählung „Industrielandschaft mit Einzelhändlern“ mit dem Dokumentarfilm „Metallica: Some Kind of Monster“, um genau diesen scheinbar abstrusen Assoziationen nachzuspüren, und inszenieren am Schauspiel Köln in der Schlosserei einen furiosen Theaterabend, der von der Angst vor Verlust des Status quo geprägt ist.
Eingeleitet wird die Aufführung vom hämmernden Song „St. Anger“ von dem gleichnamigen Metallica-Album, das genau zu der Zeit der Dreharbeiten des Dokumentarfilms aus einer inneren Zerrissenheit des Bandgefüges (Ausstieg des Bassisten, Alkoholsucht des Leadsängers, mangelnde Inspiration) entstand. Direkt im Anschluss folgt der erste Auftritt von Egon Monks Drogist. Dessen düster-komischer Monolog offenbart die vollkommene Assimilation seiner Persönlichkeit an die Regeln des Wirtschaftssystems, um dadurch die drohende Geschäftsaufgabe abzuwenden. Doch gerade durch das Bestreben, sich in die kapitalistischen Marktgesetze einzufühlen, verstrickt er sich immer mehr in seinen eigenen Untergang, so dass das ohnmächtig anmutende Ausgeliefertsein an abstrakte Mechanismen schließlich obsiegt.
Dieses Gefühl undurchschaubarer und bedrohlicher Situationen wird durch das herausragend groteske Puppenspiel Suse Wächters noch verstärkt, das zwischen „Friedhof der Kuscheltiere“ und „Chucky – Die Mörderpuppe“ pendelt. Die Puppensequenzen bilden die einzig fassbare Verbindung zwischen beiden Welten, die ansonsten eher oberflächlich miteinander in Beziehung gesetzt werden. Sind die Ebenen anfänglich noch strikt voneinander getrennt, wird die Grenze nach und nach fließend, wobei es jedoch nie zu einem vollständigen Ineinanderaufgehen kommt.
Je länger „Mentallica“ dauert und je weiter die Ebenen miteinander verwoben werden, desto mehr kristallisiert sich der anfänglich angesprochene Zusammenhang heraus: Angst. Angst, immer mehr erreichen zu müssen. Angst, das bisher Erreichte und die eigene Existenzgrundlage zu verlieren. Angst, seine eigene Persönlichkeit für den Erfolg zu opfern und sich immer weiter anzupassen. Auf der einen Seite verstrickt sich ein gigantisches Bandmonstrum, das über 90 Millionen verkaufte Platten aufzuweisen hat, in Machtkämpfe, da es mehr oder wenigser dazu verdammt ist, Außergewöhnliches leisten zu müssen. Auf der anderen Seite verzehrt sich der Einzelhändler nach mehr Kundschaft, die ihm die übermächtigen Großkonzerne langsam aber stetig abjagen. Die einvernehmliche Botschaft: Letztlich steckt in uns allen ein Drogerist, der seinen hart erkämpften Besitz nicht verlieren möchte – ganz egal, ob man Lars Ulrich, James Hetfield, Kirk Hammett oder Max Mustermann heißt.
Bedauerlicherweise bleibt die Inszenierung indessen insgesamt recht blass. Lediglich das Puppenspiel von Suse Wächter und Jürgen Kuttner als verzweifelter Drogist wissen Glanzpunkte zu setzen. Die szenische Annäherung an den Dokumentarfilm gerät dagegen zu einer bloßen Nacherzählung ohne Esprit und Originalität, aus der nur Robert Dölle in seiner Rolle als Drummer Lars Ulrich hin und wieder herausragt. Paul Faßnacht (Sänger und Gitarist James Hetfield), Andreas Grötzinger (Bassist Kirk Hammett) und Knarf Rellöm (Produzent Bob Rock) überbieten sich in ihren Rollen als Bandmitglieder nur gegenseitig an Lustlosigkeit, können aber bei ihren Auftritten als Monks Drogist durchaus überzeugen. So bleibt am Ende die gute Intention der Regisseure leider weitestgehend auf der Strecke. Ein kurzweiliger Abend ist es dennoch, der aber sicherlich mehr hergibt, wenn man den Film „Some Kind of Monster“ vorher nicht gesehen hat.