worst case

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Tatsächlich ... der schlimmste Fall

Kathrin Rögglas „worst case“ im Studio des Schauspiel Dortmund


von Sascha Westphal

Der Ausnahmezustand ist längst Normalität geworden. Ständig gibt es ein anderes Unglück, eine andere Krise, eine andere Naturkatastrophe, einen anderen Grippe-Virus oder auch einen anderen Terroranschlag. Die Menschen in den Industrienationen kommen mittlerweile kaum noch aus dem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft heraus. Und die Medien, die nach immer neuen Sensationen lechzen und sich dann jedes Mal wieder mit Superlativen regelrecht überschlagen, heizen das Klima der Verunsicherung, der dauernden Hysterie und Beinahepanik, noch weiter an. Das alltägliche Leben geht – wie sollte es auch anders sein – natürlich seinen gewohnten Gang. Aber im Hintergrund bleibt da gleich einem beständigen Rauschen, quasi als eine Art gesellschaftlicher Tinnitus, eine permanente Weltuntergangsstimmung. Alles ist immer gleich der schlimmstmögliche Fall, eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes, die aber meistens ganz woanders stattfindet, die von den Medien beschworen und von den Menschen vor ihren Fernsehern und Radios mit wohligem Schauer verfolgt wird.

Und gibt es einmal keine Desaster, müssen sich nur – sagen wir einmal – vier, es könnten allerdings auch mehr oder weniger sein, selbsternannte Medienprofis zusammen vor ein paar Bildschirme setzen. Und schon sind wir mittendrin im schönsten, nein, schlimmsten Worst-Case-Szenario. So beginnt zumindest Hermann Schmidt-Rahmers Inszenierung von „worst case“, Kathrin Rögglas theatralischem Katastrophen-Symposium, im Studio des Schauspiel Dortmund. Vor einer Wand mit sieben Fernsehern, die alle das Gleiche zeigen, eine Ansicht des Hiltropwalls direkt vor dem Theater, stehen einige Sessel und Sofas, die sogleich von den – wie Röggla sie nennt – „Zusehern“ in Beschlag genommen werden. Der Viereckige, die Expertin, die Piepsstimme und der Beflissene, das sind die professionellen Voyeure des Unglücks, Zuschauer, die wieder anderen Zuschauern das Geschehen vor Ort näher bringen.

In Dortmund erweisen sie sich aber allesamt als wüste Karikaturen und völlig überdrehte Witzfiguren, die von Günther K. Harder, Jakob Schneider, Matthias Heße und Andreas Vögler mit voller Absicht auf RTL-Comedy-Niveau heruntergezogen werden. Harders weit aufgerissene Augen, sein ständig erhobener Zeigefinger und sein verschwörerischer Ton verhindern genauso wie Jakob Schneiders dick aufgetragener osteuropäischer Akzent, Matthias Heßes ständig verrutschende blond-lockige Perücke und Andreas Vöglers Ruhrpott-Dialekt jeden Einblick in das Wesen und Wirken dieser typischen Medienerscheinungen. Wenn sie dann auch noch nacheinander das Studio verlassen und, immer vom teilnahmslosen Auge der Kamera beobachtet, über den nicht mehr sonderlich stark befahrenen Hiltropwall laufen oder stolpern, kann kein Zweifel mehr bestehen: Hermann Schmidt-Rahmers rein denunziatorische Komik macht aus Rögglas hellsichtigem Stück ein Stadttheater-Worst-Case-Szenario ... wie tief kann eine Aufführung, die schon mit dem ersten Auftritt von Jakob Schneider und Matthias Heße in Frauenkleidern, die eigentlich nur aus liegengebliebenen Beständen der Altkleidersammlung stammen können, am Boden angekommen war, noch sinken?

Unendlich tief muss wohl die zutiefst deprimierende Antwort lauten. Schließlich raubt Schmidt-Rahmer auch den folgenden drei Szenen des Stücks all ihre Ambivalenz und tiefere Bedeutung. Die Kassandrasekretärin, die nach dem Verschwinden der vier Zuseher, die Bühne betritt und sich während eines (imaginierten) Telefonats mit einer modernen Kassandra, dem „Ich“ der Szene, so weit in ihren selbst wieder zur Hysterie gewordenen Skeptizismus hineinsteigert, dass sie nicht einmal glauben will, dass ihr Haus brennt, als Rauchschwaden sie schon ganz umhüllen, verkommt bei Matthias Heße zur nervtötenden alten Jungfer. Der schreckliche grünkarierte Wollrock, der altmodische Pullover und eine weitere absurde Perücke machen aus dieser rätselhaften, letztlich kaum greifbaren Figur ein lächerliches Relikt aus der Mottenkiste der 70er Jahre, ein Jahrzehnt, das es dem Regisseur und seiner Ausstatterin Michaela Springer anscheinend angetan hat.

Auch die dritte Szene, das abgründige Protokoll einer Elternbeiratssitzung, die damit endet, das eine unliebsame Drittklässlerin ihrer Grundschule verwiesen wird, verlegen sie ausgerechnet in diese Dekade. Das mag vielleicht noch zu den verlogen-einfühlsamen Äußerungen des Schulpsychologen passen, aber ansonsten bleibt diese Verschiebung in die Vergangenheit reine Masche, ein an sich verharmlosender V-Effekt, der in dieser Szene allerdings in einer wahrhaft unsäglichen Entgleisung gipfelt. Einer der Anwesenden der Sitzung ist Jorgos, ein von Jakob Schneider gespielter Grieche, der so keinesfalls im Text steht. Ein derart plumpes Klischee von einem Migranten dürfte schon lange nicht mehr auf der Bühne eines deutschen Theaters gesessen haben.

Zur vierten und letzten Szene, einer Radiosendung, in der sich Moderatoren, Experten und Anrufer über die Nachwirkungen einer riesigen Naturkatastrophe unterhalten, die Teile von Deutschland zerstört hat, ist Hermann Schmidt-Rahmer dann – und darüber muss man letztlich schon wieder glücklich sein – anscheinend nichts mehr eingefallen. Er lässt seine vier Darsteller den stark gekürzten Text mehr oder weniger herunterrattern. Auf das es bloß schnell vorbei sei. Zum Schluss erklingen dann die Staumeldungen, zu denen Günther K. Harder, Jakob Schneider, Matthias Heße und Andreas Vögler Walzer tanzen. So entschwinden sie schwebenden Schrittes. Der Klamauk hat ein Ende, aber die Frage bleibt: Warum hier Rögglas ungemein subtiler indirekter Humor, ihre Komik im Konjunktiv, einer jegliches Niveau negierenden Comedy-Show geopfert wurde?

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strich468

Kommentare

juliameer76
worst case kritik
eine journalistisch derart unfundierte und oberflächliche, sich auf bloßes beschreiben der äußeren vorgänge beschränkende kritik, hab ich selten gelesen. hier wird sich zeile um zeile an "schrecklich grünkarierten Wollrock" und "ständig verrutschender blond-lockiger Perücke" aufgehangen anstatt dem unbedarften Leser auch nur eine spur von journalistisch-literarischer Ambivalenz und tiefere Bedeutung zu vermitteln, die ja in der umsetzung des stücks von herrn westphal schließlich auch zutiefst vermisst wird. erster vorschlag: um sich entspannt berieseln und mit hübscher deko und kostümen beglücken zu lassen, sollen, so munkelt man, die produktionen leuchte auf mein stern borussia und piaf im großen haus wunderbar geeignet sein!
allerdings dann bitte lieber als privaten vergnügungs-ausflug, ohne anschließende rezension, um den interessierten leser vor solch beleidigten befindlichkeiten zu verschonen!
zweiter vorschlag: hinschauen, denken, schreiben.
hier wurde offenbar einiges nicht begriffen. ich finde es einer phantastischen, modernen und zudem überaus inteligenten autorin wie frau röggla gegenüber fast schon denunziernd, anzunehmen, sie würde den hundertsten kläglichen versuch einer medienkritik im theater anstellen! völlig verfehlt ist somit die einleitung und schlichtweg schlecht beobachtet. es geht doch genau darum daß eben gar nichts passiert. in der beschreibung hingegen wird behauptet, die darsteller würden etwas "geschehendes" beschreiben was im fernsehen (medien) stattfindet. k. röglla geht doch einen entscheidenden schritt weiter: nicht die medien als buhmann und wir armen menschlein als opfer ihrer macht prangert sie an. sondern uns selber wie wir(oder zumindest einige von uns) unreflektiert, passiv alles schlucken was uns vorgesetzt wird. unfähig eigene lebensinhalte zu finden, lechzen wir eben nach dem medialen ereignis. hier passiert aber rein gar nichts. findet aber dann auch noch real keins statt, sind wir auf uns selbst zurück geworfen und stehen einsam, leer und gelangweilt da. die persönliche katastrophe ist eingetreten, das worst-case-szenario.
und so verstehe ich diesen für mich beeindruckenden abend immer wieder. es ist eine parabel der heutigen gesellschaft. ihre angst vor sich selber und der großen leere. der zugriff des regisseurs in form einer überspitzung ist da absolut nachvollziehbar, zumal mir dadurch die doch zunächst sehr abstrakte und fleischlose sprache rögglas grandios verdichtet wurde. aus einer zweifelsohne literarisch grandiosen aber fürs theater evtl. etwas kopfig, theoretischen und meinem empfinden nach eher zum lesen geeigneten vorlage, wurde so ein kaum für möglich gehaltener überaus sinnlicher theaterabend. daß in dem zusammenhang auch radikal mit klischees gespielt wird, ist doch nur konsequent, und ergänzt das thema des stücks, ein spiegel heutiger gesllschaftlicher wahrnehmung, wunderbar. aber anscheinend hatte sich der autor auf einen sauber durchbuchstabierten, psychologisch-realistischen abend gefreut...
der schluß der kritik wird dann richtig schmerzhaft: indem die schauspieler den text fast teilnahmlos runterrattern, eröffnen sie doch eine geniale, augenzwinkernde meta-ebene. alles gebähren und aufplustern ist vorüber, verpufft. "viel zu sehen war ja eigentlich nichts, schade" wird gesagt. der konjunktiv ist auch passee, der alltag ist eingekehrt, ein offener umzug findet statt, es stehen nun keine karikaturen mehr auf der bühne sondern normale menschen auf der bühne. was könnte als nächstes aufregendes passieren? stauschau.
p.s.: ein bekannter von mir hat eine sichtlich begeisterte und zutiefst verstandene k. röggla auf der premiere gesprochen.
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