Mehrtheater Ausblick: Ruhrfestspiele 2009

Entdeckenswertes abseits des Rummels

Das Festival der Uraufführungen in Recklinghausen und Marl

Am 1. Mai beginnen traditionsgemäß die Ruhrfestspiele, die 2009 unter dem Motto „Nordlichter“ stehen. Wieder einmal ist das Programm gespickt mit großen Namen. Gleich zu Beginn geben die Hollywoodstars Ethan Hawke und Rebecca Hall unter der Regie des Oscarpreisträgers Sam Mendes ihre Visitenkarte mit Tschechows „Der Kirschgarten“ ab. Mit prominenten Mimen wie Maximilian Schell und Mathieu Carrière setzt Festivalchef Frank Hoffmann auch im skandinavischen Dramatikern wie Strindberg und Ibsen gewidmeten Schwerpunkt auf die Zugkraft des Bekannten und Bewährten. Für seine fünften Ruhrfestspiele nutzt der umtriebige Hoffmann seine exzellenten Kontakte aber auch erneut für ein „Festival der Uraufführungen“ abseits des Hauptprogramms.

Die fünf Inszenierungen von Texten deutschsprachiger Autoren in Kooperation mit verschiedenen Bühnen und Ensembles stecken ein weites Feld ab. Anders als bei den Mülheimer „Stücken“ sind hier nicht nur eigens für das Theater geschriebene Arbeiten zu erleben. Die Auswahl in Recklinghausen zeigt vielmehr etwas von der für das aktuelle Bühnengeschehen durchaus prägenden Bearbeitungsfreude. Einige der hier vertretenen Künstler bedienen sich für ihre Aufführungen beim Roman, beim Film oder bei der Biographie eines Rockstars. Namen wie Werner Fritsch oder Armin Petras bürgen zudem dafür, dass nicht nur die Stoffauswahl originell ausgefallen sein dürfte.

Die Produktionen dieses kleinen Festivals im Festival, das im Theaterzelt auf dem Hügel eine neue feste Heimstatt hat, folgen einander in bequemem Wochenabstand. Den Auftakt bildet ab 15. Mai eine Kooperation mit dem Hamburger Thalia-Theater: „Fuchs reißt Kaninchen“ der 1982 geborenen Autorin Juliane Kann ist zwar speziell für die Bühne entstanden – die Autorin studierte sogar szenisches Schreiben -, aber die Genrebezeichnung lässt allemal Nicht-Alltägliches erwarten. Mit hervorragenden Darstellern des Thalia-Ensembles mit Maren Eggert an der Spitze soll sich unter der Regie von Frank Abt eine metaphysische Tierparabel in der Zwischenwelt von Leben und Tod entfalten.

Nach dem Hamburger Blick in Seelenwelten von Trauernden folgt vom Münchner Volkstheater die Bühnenbearbeitung eines gewichtigen und weitausgreifenden Romans. Regisseurin Christine Eder und ihre Dramaturgin Katja Friedrich erstellten eine Bühnenfassung von Helmut Kraussers „Eros“. Nicht weniger als ein mit einer epischen Liebesgeschichte verschränktes Sittenbild der Bundesrepublik entwirft der Autor in seiner bildmächtigen Sprache. Mehr als genug Stoff also für einen Theaterabend, bei dem sich nicht nur der Abgleich mit Kraussers eigenem dramatischen Werk aufdrängt. Auch der Vergleich mit anderen Romanadaptionen wie John von Düffels spannender Version von „Joseph und seine Brüder“ in Düsseldorf liegt nahe.

Während Filmversionen von Bühnenklassikern in der noch kurzen Geschichte des Mediums Kino von Anfang an zum Alltag gehörten, wurden für die Leinwand gedachte Original-Drehbücher traditionell recht selten im Theater aufgegriffen. Neben der Romanprosa erfreut sich bei den Theatermachern aber nun auch das Kino wachsender Beliebtheit als Stofflieferant. Von Lars von Trier bis Luchino Visconti werden bekannte Filmwerke von Bühnenkünstlern neu interpretiert. Festivalleiter Frank Hoffmann selbst hat anhand von Ingmar Bergmans Exposé zum Filmdrama „Schreie und Flüstern“ eine essayistische Inszenierung erarbeitet, die innerhalb des Skandinavien-Schwerpunkts in Recklinghausen zu sehen ist.

Das „Festival der Uraufführungen“ wartet dazu mit der Bearbeitung von Antonin Svobodas Filmgroteske „Immer nie am Meer“ durch Bernd Steets auf. Der Stoff scheint mit seinen räumlichen Beschränkungen besonders für eine Bühnenfassung geeignet: Drei Männer stecken nach einem Unfall in einer gepanzerten Limousine fest, die einst der ehemalige österreichische Präsident Waldheim nutzte. Svoboda entwickelte das Drehbuch mit seinen Schauspielern Christoph Grissemann, Dirk Stermann und Heinz Strunk, die in die absurd überspitzte Isolationssituation ihre eigenen Themen und Obsessionen einbrachten. Man darf gespannt sein, mit welchen Akzenten Regisseur Dominique Schnizer und die Schauspieler Hans Jörg Krumpholz, Martin Pawlowsky und Jürgen Uter in der Kooperation der Ruhrfestspiele mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg die durch und durch österreichisch geprägte Vorlage versehen.

Auch der Titel der vierten Uraufführung im Theaterzelt weckt Filmassoziationen: „Bring mir den Kopf von Kurt Cobain“ lässt unweigerlich an Sam Peckinpahs „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“ denken. Da es sich bei der am Zimmertheater Tübingen erarbeiteten Aufführung um ein Stück des literarischen Multitalents Werner Fritsch handelt, ist zu erwarten, dass über den Namen des Textes hinaus hier das weite Feld (pop)kultureller Anspielungen, Verweise, Verschränkungen und Reflexionen eröffnet wird. Kurt Cobains Leben und Sterben ist der Stoff für viele Legenden. Fritsch nähert sich der Grunge-Ikone, indem er Cobains Collagentechnik aufgreift, die seit William S. Burroughs als Cut-up bezeichnet wird. Mit Patrick Schimanski präsentiert ein musikalisch versierter Regisseur dieses Werk.

Den Abschluss des „Festivals der Uraufführungen“ bildet ab 11. Juni „Zornig geboren“ von Darja Stocker, das an vier Abenden in der Halle Marl zu sehen sein wird. Armin Petras inszeniert das erst zweite Stück der jungen Autorin, deren Debüt „Nachtblind“ hochgelobt und vielgespielt wurde, mit den Kräften seines Maxim Gorki Theaters. „Zornig geboren“ ist aus einer Autorenwerkstatt zum Thema „Rebellion und Melancholie“ hervorgegangen. Dies könnte auch als Motto für das Schaffen des Regisseurs und Autors Petras alias Fritz Kater stehen. Seine Sympathie gilt den Außenseitern der Gesellschaft und den Aufbegehrenden. Stocker und Petras haben beide eine anarchische Seele und ein blutendes Herz. Veränderungswille und ständiges Scheitern, der jugendliche Blick nach vorn und die Last der (Familien-)Vergangenheit – „Zornig geboren“ verspricht der ausdruckstarke krönende Abschluss der kleinen Premierenreihe zu werden, die sich ein wenig abseits vom repräsentativen Festspielrummel zum Höhepunkt des Recklinghäuser Frühsommers entwickeln könnte.

Andreas Staben

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